KFHist: (G 9) Hydatius Skip to main content

Ein Editionsprojekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste.

HHUD Düsseldorf

(G 9) Hydatius



S. 3

Einleitung

I. Biographische Skizze

Außerhalb seiner Chronik ist uns Hydatius, der Bischof des gallaecischen Aquae Flaviae (zur Sitzzuweisung s.u.), lediglich als Adressat eines Briefs seines Amtskollegen Thoribius von Astorga sowie aus einem Brief von Papst Leo an eben diesen Thoribius aus dem Jahr 447 bekannt.1 Der Kontext dieser beiden Briefe, der Kampf einer Gruppe spanischer Bischöfe um Hydatius und Thoribius gegen die Priscillianer im nordwestlichen Spanien, wird auch aus der Chronik selbst heraus ersichtlich, auf das Schreiben Leos nach Spanien verweist Hydatius sogar explizit (c.135). Für die Rekonstruktion der grundlegenden Lebensstationen des Chronisten sind diese Testimonien also zweitrangig, wir bleiben für eine biographische Skizze maßgeblich auf das Werk des Hydatius selbst verwiesen. Hinweise lassen sich hierbei insb. der ausführlichen Praefatio entnehmen, aber auch im chronistischen Bericht ansich begegnet der Autor wiederholt (c. 40. 62b. 96. 98. 130. 201. 207).

Hydatius wurde ungefähr 395 in der nordwestspanischen Civitas Lemica, dem heutigen Xinzo de Limia, geboren (praef. 2,2). Der genaue Zeitpunkt seiner Geburt ist umstritten, ergibt sich aber mit einiger Plausibilität aus der Selbstbezeichnung des Chronisten als infantulus (praef. 2,5 u. c. 40 [infantulus et pupillus]) im Rahmen seiner Orientreise im Jahr 407.2 Hydatius war Einwohner der Provinz Gallaecia, welche „am Ende der [römischen] Welt“ S. 4 gelegen war, wie der Chronist zwar in rhetorisch überspitzter Bescheidenheit, jedoch nicht in gänzlicher Verkennung der faktischen geographischen Lage seiner Heimat, zugeben muss.3 Diese Herkunft prägt den Bericht sowohl in inhaltlicher Hinsicht (s. u. Kap. III.1) als auch hinsichtlich der mehrfach betonten Probleme beider Beschaffung von Informationen (Kap. II.4). Eine Verwandtschaft des Chronisten mit einem gleichnamigen Bischof von Mérida, der im späten vierten Jahrhundert einer der profiliertesten Gegner Priscillians war, ist aufgrund der Namengleichheit und des geteilten anti-priscillianischen Profils zwar denkbar, aber kaum zu erweisen.4 Unabhängig von dieser Detail frage zur Herkunft dürfte Hydatius aber mit Sicherheit Angehöriger der Oberschicht seiner Heimat gewesen sein. In diese Richtung deutet zumeinen die OrientreiseinseinerJugend, zumanderendiein noch vergleichsweise jungem Alter übernommene Legation zum Magister militumAëtius 431 (c. 96). Mit einiger Vorsicht kann auch der bloße Umstand der Bischofsweihe für eine erhöhte soziale Stellung sprechen, mit größerer Sicherheit der offenkundig hohe Bildungsgrad des Chronisten (s. u.).5

Die Reise in den Orient, das erste greifbare biographische Detail, führte den jungen Hydatius 407 bis nach Palästina, wo er nach eigener Aussage auf Hieronymustraf (praef. 2,5; c. 40), eine Begegnung, die später zur Entscheidung des gallaecischen Bischofs beigetragen haben dürfte, dessen Chronik fortzusetzen. Die Reise an sich hatte die Gestalt einer Pilgerfahrt – zumindest beschreibt Hydatius sie später als eine solche – und führte den jungen Spanier nicht allein vor Hieronymus, sondern auch vor Johannes von Jerusalem, Eulogius von Caesarea und Theophilus von Alexandria (c.40). Inwiefern dies auch der intendierte Zweck der Reise war,und wer den minderjährigen Pilger begleitete, muss unklar bleiben.6 In jedem Fall dürfte Hydatius S. 5 noch vor der Invasion Spaniens durch Sueven, Vandalen und Alanen 409 nach Spanien zurückgekehrt sein. Dies ergibt sich weniger aus seiner zwar lebendigen, aber doch deutlich topischen Beschreibung der Ereignisse im Umfeld dieser Invasion (c. 42. 46. 48f.), die trotz ihres Detailreichtums nicht als Augenzeugenbericht zu werten ist; stichhaltiger ist, dass man kaum eine Rückkehr in die unklare und unsichere Situation Spaniens unmittelbar nach 409 annehmen sollte. Orosius, ein Landsmann des Hydatius, kehrte in dieser Situation jedenfalls nicht wieder nach Spanien zurück.

Für die folgenden Jahre fehlen verlässliche Informationen. Es ist aber davon auszugehen, dass Hydatius in dieser Zeit eine standesgemäße Bildung erfuhr, welche sich in der geradezu klassischen Praefatio zur Chronik genauso wie in der Literaturkenntnis des Chronisten (s. u. Kap. II.4) spiegelt.7 Eine zwar nachträgliche, nichtsdestoweniger aber kaum erfundene Hinzufügung zur Chronik ist so zu deuten, dass Hydatius 416 dann in den Klerus eintrat (c. 62b mit Komm. z. St.), bevor er, nun wieder nach eigener Aus- sage, 427 zum Bischof erhoben wurde (praef. 2,8 f.). Als Bischofssitz ist mit einiger Sicherheit das nicht weit von seinem Geburtsort Xinzo de Limia gelegene gallaecische Aquae Flaviae (heute Chaves in Portugal) anzunehmen, auch wenn eine definitive Klarheit nicht zu erreichen ist. Weder Hydatius selbst noch Thoribius von Astorga oder Leo von Rom (s.o. zu ihren Briefen) benennen den Sitz des Hydatius explizit; dass der Bischof im Jahr 460 aber ausgerechnet in Aquae Flaviae in Gefangenschaft der Sueven geriet (c. 201) und dann nach nur wenigen Monaten auch in diese Stadt restituiert wurde (c. 207), spricht eine deutliche Sprache.8 Das kirchenpolitische Engagement S. 6 des Bischofs fokussierte in erster Linie auf die Abwehr der priscillianischen Häresie, die nach dem Tod Priscillians 385 in der Gallaecia Fuß gefasst hatte (c. 16). 9 Hydatius kooperierte dabei eng mit seinem Amtsbruder Thoribius von Astorga, der in der Frage 447 ein Gutachten von Papst Leo erwirken konnte (s. o.). Da Hydatius in Leos Schreiben Erwähnung findet, muss er an Thoribius’ Wendung nach Rom an wichtiger Stelle beteiligt gewesen sein. 10 Hydatius und Thoribius engagierten sich zur selben Zeit auch an einer von Leo angestoßenen Verfolgung von Manichäern (c. 130. 133. 138). Ansonsten ging die ‚große‘ Reichskirchenpolitik am Chronisten aber weitgehend vorbei: Informationen über die Synode von Ephesus 431 erhielt er nur noch zufällig, lückenhaft und verspätet (c. 106 u. 109 mit Komm.), von der Synode von Chalcedon 451 erlangte er offenbar überhaupt keine Kenntnis.

Das öffentliche Wirken des Chronisten war aber nicht allein auf das kirchliche Feld beschränkt. Schon bald nach seiner Bischofserhebung rückte Hydatius auch politisch in den Fokus, als seine gallaecischen Landsleute ihm 431 eine diplomatische Mission nach Gallien anvertrauten, wo er den Magister militum Aëtius für eine Intervention in die Konflikte der römischen Gallaecier mit den seit 411 in der Gallaecia siedelnden Sueven gewinnen sollte (c. 96). Nur wenig später dürfte er dann am Ausgleich zwischen beiden Gruppen beteiligt gewesen sein, der laut der Chronik nach der Abreise des von Aëtius nach Spanien gesandten Censorius „unter bischöflicher Vermittlung“ getroffen wurde (c. 100). Dass dieser Ausgleich sich nach Auskunft des Hydatius nicht als dauerhaft tragfähig erwies, dürfte einer der Gründe dafür gewesen sein, dass der Bischof sich später zum entschiedenen Gegner der suevischen Präsenz in Spanien entwickeln sollte (s. Kap. III.2). Ein anderer Grund war seine unbedingte Orientierung am Römischen Reich S. 7 als einzig legitimer Quelle politischer und sozialer Stabilität (Kap. III.1), die es ihm zusätzlich erschwerte, sich mit den neuen Verhältnissen in seiner Heimat zu arrangieren. Dass seine spätere kurzzeitige Gefangennahme durch die Sueven unter Frumar 460 auf Anstiftung dreier offenbar romanischer Denunzianten erfolgte (c. 201), zeigt indirekt, dass seine antisuevische Haltung auch seinen Landsleuten bekannt war, jedoch nicht von allen diesen Landsleuten auch geteilt wurde. Ob Hydatius’ Haltung gegenüber den Invasoren dabei auch von kirchenpolitischen Erwägungen geprägt war – lange ging man beinahe a priori von einer Kollaboration der gallaecischen Priscillianer mit den Sueven aus –, ist nicht zu entscheiden, die Chronik selbst gibt jedenfalls keine klaren Hinweise in diese Richtung. Auch die erwähnte Gefangennahme hatte wohl eher politische als kirchliche Gründe und stand im Zusammenhang mit dem Verdacht der Illoyalität des einflussreichen Bischofs gegenüber den Sueven im Angesicht der westgotischen Präsenz in Spanien nach 456.

In der Folge dieser Episode wurde es ruhiger um Hydatius, der weder in der Chronik noch an anderer Stelle nochmals begegnet. Auch wenn die Aussage der gleichzeitig mit dem Ende der Chronik entstandenen (s. Kap. II.1) Praefatio, dass der Chronist bei der Abfassung seines Werks am Ende seines Lebens gestanden habe (praef. 2,2), Teil einer Captatio benevolentiae ist, ist doch damit zu rechnen, dass der nun über Siebzigjährige wohl nicht lange nach dem Abschluss seines Berichts 468 gestorben sein muss.11

II. Formale Aspekte

1. Anlässe und Zeitpunkte

Dass Hydatius überhaupt auf die Idee kommen konnte, eine Fortsetzung der Hieronymus-Chronik anzufertigen, lag zunächst einmal schlicht an der Kenntnis dieses Werkes in Spanien, das mutmaßlich über die Abschriften der Werke des Kirchenvaters durch Lucinus dorthin vermittelt worden war. Die Autorität des Hieronymus und die offenbare Attraktivität seiner chronistischen Darstellung von Geschichte veranlassten auch in anderen Regionen S. 8 des Weströmischen Reiches etwa zeitgleich andere Autoren zu Fortsetzungen der Chronik, nämlich Prosper von Aquitanien und den anonymen Gallischen Chronisten von 452. Wie diese beiden, so dürfte auch Hydatius das Anliegen gehabt haben, seine eigene Zeitgeschichte und Gegenwart über die Fortführung der bis 378 reichenden, aber bereits bei Abraham einsetzenden Weltchronik des Hieronymus in einer universalen (Heils-) Geschichte aufgehen zu lassen, und damit die wahrgenommenen Wirren seiner eigenen Zeit einer übergreifenden Deutung zu unterziehen.12 Für den spanischen Autor kam noch eine weitere Motivationsebene hinzu: Durch das in Praefatio und genuiner Chronik mehrfach erwähnte Zusammentreffen des Chronisten, noch als infantulus [et pupillus], mit Hieronymus im Rahmen der Orientreise um 407 (praef. 2,5; c. 40) dürfte sich Hydatius seinem älteren Vorgänger in besonderer Weise verbunden gefühlt haben. Darüber hinaus lag ihm wohl auch eine Version der Consularia Constantinopolitana vor, die in zumindest chronikähnlicher Manier Informationen zur Reichs- und Dynastiegeschichte bis Theodosius I. geben konnten.13

Weniger eindeutig als die Frage nach der Motivation des Chronisten ist die Frage nach der Entstehungszeit der Chronik zu beantworten. An der Vorstellung, dass Hydatius sein Werk am Ende seines Lebens in einem Guss abgefasst hätte, müssen zumindest Zweifel angemeldet werden. Sicherlich, die ausführliche Praefatio zur Chronik gehört unzweifelhaft in den Kontext ihres finalen Abschlusses 468: Hydatius verweist auf sein fortgeschrittenes Alter (praef. 2,2), kann methodisch auf den spezifischen Umgang mit seinen Quellen zurückblicken (praef. 2,7 f.) und fordert die Fortsetzung seines Werks (praef. 2,9). Eine Entstehung der Praefatio im Jahr 468 belegt aber nicht gleichzeitig auch die einheitliche Entstehung aller Teile der Chronik erst zu diesem Zeitpunkt.14 So gibt es, ganz im Gegenteil, durchaus Hinweise S. 9 auf eine mehrstufige Entstehung der Chronik. Schon die Hydatius umtreibende Frage, ob Hieronymus seine Chronik vielleicht über den ihm in Spanien bekannten Endpunkt 378 hinaus noch einmal fortgesetzt hatte (praef. 2,5 f.), weist darauf hin, dass dem jüngeren Chronisten – aufgrund seiner eigenen Arbeitsweise? – eine abgestufte Textgenese vor Augen stand.

An einer Stelle wird ein Bruch im chronistischen Bericht, formal wie inhaltlich, darüber hinaus auch ganz konkret greifbar: Hydatius kommentiert die Niederlage der Sueven 456 gegen die mit Ravenna föderierten Westgoten und die folgende Hinrichtung des Suevenkönigs Rechiar mit der Feststellung, dass das suevische Königreich damit „zerstört und ausgelöscht“ worden sei (c. 175). Nur wenige Einträge später vermeldet der Chronist dann aber die Erhebung eines neuen Suevenkönigs (c. 181), vom postulierten Ende des Königreichs ist in der Chronik also nicht viel zu spüren. Zudem kommt es etwa zeitgleich zu einem stilistischen Bruch in der Berichterstattung: Die einzelnen Berichte werden immer ausführlicher, die genretypische Kürze von Informationen wird zunehmend aufgegeben. Der Einschnitt rund um den gotischen Suevenfeldzug von 456 ist also offenkundig und spricht gegen eine einheitliche Abfassung der Chronik um 468.15 Wahrscheinlicher ist also, dass Hydatius entweder mit c. 175 einen vorläufigen Endpunkt seines Werkes erreicht hatte und dann, als er das Werk zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufnahm, aus unklaren Gründen darauf verzichtete, die genannten Inkonsistenzen zu bereinigen. Oder aber der Chronist hatte nach 456, unter dem Eindruck der suevischen Niederlage, überhaupt erst angefangen, seinen Bericht niederzulegen, der damit bis zum gotisch-suevischen Krieg retrospektiv entstanden, von diesem Krieg an fortlaufend ergänzt worden wäre. 16

Eine finale Entscheidung über den Weg der Genese – 456 als vorläufiger Abschluss oder als Beginn der Arbeit? – ist kaum möglich. Nichtsdestoweniger seien hier zwei Gedanken zur Problematik aufgeführt: Zum einen könnte die auffällige Redundanz der Praefatio (praef. 1 vs. praef. 2) darauf hindeuten, dass die Chronik im Laufe ihrer Entstehung zwei intendierte S. 10 Abschlusszeitpunkte hatte, nämlich 456 und 468. Zum anderen könnte Hydatius’ Hinweis auf den Quellenwechsel von 427 (praef. 2,7 f.; s. u. Kap. II.4) den Ausgangspunkt einer ersten Version der Chronik markieren: Die Nutzung schriftlicher Quellen bis zu diesem Zeitpunkt wäre dann von der Notwendigkeit geleitet gewesen, die Geschichte bis 427 retrospektiv zu erschließen, während Hydatius ab dem Moment seiner Bischofserhebung auf eine eher fortlaufende Autopsie der Informationsbeschaffung setzte. Dies würde den Beginn des schriftstellerischen Wirkens des Chronisten etwa im Jahr 427 nahelegen, ein Einschnitt, für den sich wiederum auch formale Gründe anführen ließen, immerhin handelt es sich beim entsprechenden Jahr Valentinian III um das letzte berichtlose Jahr der Chronik.17 Mit aller Vorsicht sollte der formale wie inhaltliche Einschnitt um das Jahr 456 also mit einem vorläufigen Abschluss der später fortgeführten Hydatius-Chronik erklärt werden.

2. Chronologischer Rahmen

1951 unterzog Christian Courtois die Rahmenchronologie des Hydatius in seinem Aufsatz „Auteurs et Scribes“ einer gründlichen – oder, wie seine Kritiker sagen würden: einer zu gründlichen – Revision und stieß damit eine Debatte an, die weiterhin zu keinem befriedigenden Ergebnis gelangt ist. Das grundlegende Problem ist recht schnell skizziert: Hs. B, der faktische Codex unicus der Hydatius-Chronik (Kap. IV.2), weist zahlreiche chronologische Unsicherheiten auf, sowohl die Datierung einzelner Ereignisse als auch das chronologische Rahmengerüst an sich betreffend. Diese Unsicherheiten sind teilweise so gravierend, dass es aus gutem Grund gewisse Hemmungen gibt, sie im Ursprung dem insgesamt doch recht sorgfältig vorgehenden Hydatius zuzuschreiben. Größtenteils können sie also erst im Laufe der Überlieferung Eingang in den Text gefunden haben. Auf der alleinigen Grundlage von B ist es aber nicht möglich, einen gänzlich stimmigen Rahmen zu rekonstruieren. Offensichtlich hatte schon der Schreiber von B ein lücken- und fehlerhaftes Exemplar der Chronik vor sich, welches er wiederum an verschiedenen Stellen zu korrigieren suchte, was den Befund zur S. 11 ursprünglichen Chronologie zusätzlich verkompliziert.18 Im ersten Teil der Chronik beschränken sich die Probleme dabei meist noch auf Details der Datierung; ab dem Jahr 455 jedoch stellt uns die Rahmenchronologie an sich vor massive Herausforderungen. Am deutlichsten wird die Inkongruenz von Bericht und chronologischem Rahmen dabei in der Herrschaft des Severus: Diesem weist B drei Regierungsjahre zu, gleichzeitig erklärt c. 231 aber, dass der Kaiser im vierten Jahr seiner Herrschaft gestorben sei.19

Die beiden grundlegenden Pole im Umgang mit den vielfältigen chronologischen Problemen markieren der eingangs erwähnte Christian Courtois einerseits sowie Richard W. Burgess andererseits. Der Vorschlag von Courtois ist stark (re)konstruktivistisch. Unter der Prämisse, dass die hydatianische Chronologie ursprünglich gänzlich korrekt gewesen sein muss, nimmt er zahlreiche Emendationen vor, um dem Chronisten Fehler systematisch absprechen zu können. So geht Courtois bspw. davon aus, dass die an vielen Stellen fehlerhafte Papstliste im Original nicht auf den eigentlich gut informierten Zeitgenossen Hydatius zurückgehen könne, weshalb er sie aus der Chronik tilgen möchte.20 Für die grundlegende Rahmenchronologie formuliert er die Grundannahme, dass Hydatius Jahre des Herrscherwechsels immer zugleich als letztes Herrschaftsjahr des alten wie auch als erstes Jahr des neuen Kaisers zählen würde. In c. 26 expliziere Hydatius dieses Vorgehen ja beim Übergang von Theodosius I. auf seine Söhne. Aufbauend auf dieses Vorgehen möchte Courtois das oben skizzierte Severus-Problem dann durch die Annahme einer dreijährigen Lücke nach c. 221 lösen, wobei er davon ausgeht, dass das Interregnum 466 als Severus VI gezählt worden S. 12 sei (genauer s. u.). Die alle vier (Kalender-) Jahre einzufügenden Olympiaden verteilt er schließlich entsprechend des von ihm konstruierten Rahmens auf die jeweils notwendigen Stellen.

Die Vorschläge sind jedoch, mit guten Gründen, oft als zu weitgehend kritisiert worden.21 Schon die angebliche chronologische Unfehlbarkeit des originalen Hydatius stellt kein tragfähiges Axiom dar. So sind Fehler in der Papstchronologie zwar in der Tat auffällig, und zumindest das angebliche Pontifikat des Theophilus (c. 65) kann Hydatius abgesprochen werden; andere Fehler jedoch – ob Unsicherheiten bei der Datierung einzelner Pontifikate (c. 15 Siricius 387 statt 384; c. 52 Bonifatius 412 statt 418; c. 87 Caelestinus 426 statt 423; c. 105 Xystus 434 statt 432; c. 135 Leo 447 statt 440; c. 221 Hilarus 463 statt 461) oder die Aufnahme des Gegenpapstes Eulalius in die Liste (c. 65; dafür fehlen Anastasius und Zosimus) – sind für den Chronisten durchaus denkbar, vgl. zu Eulalius Komm. z. St. Im Umfeld der Synoden von Ephesus 431 und Chalcedon 451 belegt der Text der Chronik eindeutig, dass kirchliche Informationen keineswegs mehr zwangsläufig bis nach Gallaecia drangen. Abseits solch inhaltlicher Details weist Muhlberger, Chroniclers 291 auch auf Probleme der Rahmenchronologie hin, wenn er feststellt, dass die hohe Komplexität der Emendationen von Courtois oft neue Probleme und Emendationen nach sich zöge. So fußt die Stimmigkeit seines Rahmens ja letztlich auf der für diese Konstruktion zwar notwendigen, aber kaum zu belegenden dreijährigen Lücke in der Herrschaft des Severus. Auch die Annahme, dass die Chronik alle Herrschaftsübergänge so handhabe, wie es c. 26 für das Jahr 395 formuliert, ist nicht belegbar.22 Die Chronik gibt im entsprechenden Kapitel keinen Hinweis darauf, dass das geschilderte Vorgehen allgemein gelten soll. Auch B widerspricht dem, weil dort nach dem Übergang von Theodosius auf Honorius/Arcadius keine Olympiade mit fünf Herrschaftsjahren mehr begegnet, was aber notwendig wäre, wenn Hydatius sein Vorgehen auf Dauer gestellt hätte.23 Courtois S. 13 postuliert also, um die Kritik an ihm zusammenzufassen, einen idealisierten Hydatius, der dem ‚echten‘ Hydatius jedoch nicht näherkommt als B;24 er entfernt sich lediglich in eine andere Richtung vom Chronisten als die Handschrift.

Als Konsequenz aus seiner Courtois-Kritik zieht Muhlberger, Chroniclers 299 den Schluss, dass eine systematische Korrektur der Rahmenchronologie nicht möglich sei; das Einzige, was erreicht werden könne, sei ein Verständnis für die Fehler, mit der Perspektive lediglich vereinzelter Richtigstellungen. Diese Wertung ist, so unbefriedigend sie klingt, zutreffend. Ein ihr entsprechendes Vorgehen liegt daher auch der zweiten grundsätzlichen Möglichkeit im Umgang mit den chronologischen Problemen bei Hydatius zugrunde, welche Burgess für seine Edition von 1993 anwendet: Burgess nimmt den Status von B als Codex unicus ernst und folgt der Hs. weitgehend. Auch wenn er sich dabei der Probleme bewusst ist, verzichtet er auf allzu weitgehende Spekulationen über einen ursprünglichen Zustand der Rahmenchronologie, sofern sich diese Spekulationen nicht auf der maßgeblichen Basis des hss. Befundes von B plausibilisieren lassen. Im Großen und Ganzen folgt die vorliegende Edition Burgess in seiner Orientierung an B, lediglich in zwei Fällen wird davon abgesehen: Zum ersten setzen wir die Zählung der Olympiaden der Einfachheit halber immer ganz ans Ende eines jeweiligen Vierjahreszyklus. Zwar hat Burgess recht, dass B die Zählung mal mehr und mal weniger weit vom Ende des letzten Berichts innerhalb einer Olympiade nach vorn rückt; da dabei aber niemals das jeweils letzte Jahr der gegebenen Olympiade überschritten wird, ist dieses letztlich unsystematische Vorgehen hier nicht eigens abgebildet. Zum zweiten behält Burgess die Fälle bei, bei denen sich der Umbruch des Herrschaftsjahres nicht nach, sondern mitten im Bericht findet, bspw. c. 40 hiero-|nymo; c. 47 non | segnius; c. 58 sanctus | et primus; c. 86 Mauritaniam | invadunt. In diesen Fällen werden die Berichte aber für gewöhnlich so weit gegen Ende geteilt, dass wir die jeweiligen Kapitel einem einzelnen Herrschaftsjahr zuordnen, S. 14 ohne dies im Einzelfall zu begründen.25 Für weitere kleinere Abweichungen von Burgess, die aber nicht seine B-Orientierung betreffen, s. u.

Hs. B bietet darüber hinaus ein kompliziertes Geflecht unterschiedlicher Datierungsweisen, neben den Herrschaftsjahren (west-) römischer Kaiser26 und den Olympiaden finden sich Abrahamjahre, Angaben zur spanischen Ära sowie zu den Jobeljahren. Auch hier stehen wir vor Problemen der Abgrenzung: Welche Datierungen gehen schon ursprünglich auf Hydatius zurück und welche sind erst auf die Überlieferung zurückzuführen? Begründete Klarheit lässt sich nur im Fall der spanischen Ära erreichen, bei der vieles dafür spricht, dass Hydatius sie zumindest stellenweise bereits selbst verwendete. An zwei Stellen (c. 42 u. 214) begegnet sie dabei in Hs. B, einmal um die Tragweite eines Ereignisses zu unterstreichen, einmal um die Relevanz eines Prodigiums zu betonen.27 Für die praktische Arbeit mit der Chronik dürfte die Frage nach der Ursprünglichkeit verschiedener Datierungssysteme aber nebensächlich sein, da die Chronologie letztlich doch ohnehin nur auf den Herrschaftsjahren (und in Teilen auf den Olympiaden) fußt. Die eigentlichen Probleme für die Nutzung ergeben sich also zum einen aus der teilweise unklaren Position der Herrschaftsjahre, zum anderen aus der teilweise umstrittenen Synchronisierung dieser Herrschaftsjahre mit der modernen Ära ‚nach Christus‘. Die wichtigsten Vorschläge zur Lösung S. 15 dieser Probleme finden sich tabellarisch in Kap. VI.2 aufgeführt und den Entscheidungen der vorliegenden Ausgabe gegenübergestellt. Hinsichtlich der beiden skizzierten Pole im Umgang mit den chronologischen Herausforderungen weist die KFHist-Edition dabei sowohl Unterschiede zu Burgess (meist im Detail) als auch zu Courtois (gemäß des bisher Gesagten grundlegender) auf.28 Die wichtigsten dieser Abweichungen seien im Folgenden kurz begründet.

Theodosius VII–VIIII (a. 385–87): Burgess, Chronicle 41 f. folgend übernehmen wir hier die Chronologie der parallel berichtenden Consularia Constantinopolitana, die Hydatius ja als Quelle der entsprechenden Jahre vorlagen. Zu den Fehlern und Korrekturversuchen der Hs. vgl. die Ausführungen bei Burgess.

Honorius V–VIIII (a. 399–403): Hs. B ist für die fraglichen Jahre äußerst lückenhaft und weist zahlreiche Korrekturen auf. Bezüglich c. 31 folgt Burgess Hs. B und teilt den Eintrag auf die Jahre Honorius V u. VI auf, der Bruch sei hinter condemnant anzusetzen. Da das Berichtereignis, das Konzil von Toledo, im Jahr 400 stattfand, wird c. 31 von uns, ähnlich wie bei c. 40, 47, 58 u. 86 (s. o.), gänzlich dem späteren Jahr zugeordnet.29 Für Honorius VII–VIIII ist Burgess, Chronicle 42 f. jedoch zu folgen. Die Altersangaben zu Theodosius II. in c. 82 u. 146 machen es notwendig, die in c. 36 berichtete Geburt des späteren Kaisers ins Jahr Honorius VIII (= 402) zu setzen, wie es vor einer sekundären Korrektur der Jahresangabe in Honorius VIIII wohl auch der Fall war. Dann muss vor c. 34 ursprünglich Honorius VII gestanden haben, nicht wie nach der Korrektur Honorius VIII. Die Änderungen sind rückgängig zu machen, auch wenn mit ihnen die in c. 34 berichtete Sonnenfinsternis ins korrekte Jahr 402 fallen würde. Möglicherweise war dieser Fehler in der ursprünglichen Chronologie überhaupt erst der Anlass für die Korrekturen.

Honorius XXIIII (a. 418): B bricht bereits vor c. 64 (Sonnenfinsternis 418) zu Honorius XXIIII um, Courtois und Mommsen folgen. Dagegen erkennt Burgess, Chronicle 43 f. eine Korrektur, die er mit dem Wissen eines S. 16 Korrektors über das richtige Datum der Finsternis erklärt. In der Tat lässt B Spuren einer Rasur vor c. 67 (und der dann nachträglichen Ergänzung vor c. 64) erkennen, wohin wir den Beginn des Jahres daher ebenfalls verschieben. Burgess selbst setzt den Umbruch sogar erst vor c. 67, was er mit der Werkökonomie und einer entsprechenden Datierung in Hs. M begründet. Die Idee ist durchaus attraktiv, der Eingriff ist jedoch – gerade nach den sonstigen Maßstäben von Burgess – zu weitgehend, als dass M ihn ausreichend absichern könnte.

Valentinian XXV–XXX (a. 449–54): B setzt den Marker für die 307. Olympiade vor c. 139, welches Burgess daher bereits dem folgenden Berichtjahr Valentinian XXV zuschlägt. Da aber der Umbruch zu diesem Herrschaftsjahr trotzdem erst vor c. 140 erfolgt, verzichten wir auf eine Übernahme der entsprechenden Änderung. Über diese Fragen einer Einzeldatierung hinaus weicht unsere Ausgabe auch bei der Synchronisierung der Jahre Valentinian XXVI–XXX von Burgess ab: 449–450–451–452/3–453/4 (Burgess) vs. 450–451–452–453–454 (KFHist). Zwar gelangt Burgess hinsichtlich der unabhängig von Hydatius datierbaren Ereignisse damit zu einer besseren Lösung, trotzdem ist ihm nicht zu folgen, da die durchgehende Synchronisierung von Herrschaftsjahren mit Jahren n. Chr. auf Grundlage ganzer Kalenderjahre an dieser Stelle rechnerisch möglich ist.30 Courtois stimmt in dieser Hinsicht mit der vorliegenden Ausgabe überein, setzt aber den Beginn der Herrschaftsjahre Valentinian XXVI–XXX jeweils an spätere Stelle. Da das in c. 143 erwähnte Konsulat des Asturius bereits ins Jahr 449 fiel, also noch in Valentinian XXV, möchte Courtois, Auteurs 28 den Jahresumbruch zu Valentinian XXVI nach c. 144 verschieben. Auch wenn man vermuten darf, dass Hydatius die Angabe ursprünglich korrekt einsortiert hat, bietet der hss. Befund keine Handhabe für eine Änderung. Ähnliches gilt für die folgenden Jahre: Theodosius II. starb laut c. 146 im 48. Lebensjahr. Da der Chronist die Geburt des Kaisers ins Jahr 402 (Honorius VIII) datiert, liegt es mit Courtois zwar nahe, Valentinian XXVII (= 451 n. Chr.) vor c. 146 zu tilgen und die vor c. 149, 154 u. 157 folgenden Jahre jeweils um ein Jahr nach unten zu korrigieren; weder aber lassen sich an den entsprechenden S. 17 Stellen Korrekturen greifen, noch notwendige Spuren des Jahres Valentinian XXX erst im Bereich c. 158–160. Wir folgen dem Vorschlag daher nicht.

Avitus I–III (a. 455–57): Burgess, Chronicle 40 stellt fest, dass ein Jahreswechsel zu Avitus II vor c. 175, wie Courtois ihn B entnimmt, Ereignisse aus einem einzigen Kalenderjahr faktisch auf zwei Herrschaftsjahre aufteilen würde.31 Diese Inkonsistenz lässt sich durch die Verschiebung des Jahreswechsels auf c. 172 beheben, was sowohl aus inhaltlichen Erwägungen als auch durch Korrekturspuren in B gedeckt wird. Hinsichtlich der Synchronisierung der Herrschaftsjahre des Avitus mit Jahren n. Chr. folgen wir Courtois hingegen in der Annahme, dass Hydatius Avitus I als Jahr 455 gezählt hat; auf diese Weise ist eine durchgehende Gleichsetzung einzelner Herrschaftsjahre mit jeweils nur einem Kalenderjahr n. Chr. möglich.

Majorian II (a. 458): Der Umbruch vor c. 192 in B führt dazu, dass die Ereignisse zuvor, die ganz offensichtlich aus zwei Kalenderjahren stammen (c. 186–91 mit der Sequenz Ostern–Juni–Ostern/Pfingsten–Mai), allesamt in Majorian I zu setzen wären. Diese Inkonsistenz lässt sich mit Burgess, Chronicle 40 durch die Verschiebung des Jahreswechsels zu Majorian II auf c. 189 lösen.

Severus I–IIII (a. 462–65/6): Hier nun das oben geschilderte Problem, dass B – zumindest ante correctionem – nur drei Herrschaftsjahre für Severus ausweist, die Chronik in c. 231 jedoch vermeldet, dass der Kaiser in seinem vierten Jahr gestorben sei. Courtois, Auteurs 34–8 hält fest, dass bereits die Handschrift, die dem Schreiber von B vorlag, Lücken aufwies, was sich in c. 242 noch erkennen lässt. Eine solche Lücke, im Umfang von drei Jahren, nimmt Courtois nun nach c. 221 an; sie hätte die Jahre Severus II–IIII umfasst. Aufgrund dieser Lücke hätte B ein ursprünglich fünftes Jahr des Severus in c. 222 dann zu Severus II geändert, aus dem sechsten Jahr des Kaisers – freilich ein ‚virtuelles‘ Jahr, welches das Interregnum 466 überbrücken sollte – das Jahr Severus III gemacht. Die Erklärung ist zurückzuweisen, da sie im Gegensatz zur Rekonstruktion bei Burgess mehr Probleme aufwirft als löst. Laut Burgess, Chronicle 44–6 wies B ursprünglich die hier übernommene Zählung von vier Severus-Jahren auf, was auch den Widerspruch zu c. 231 beheben würde. Auf Grundlage von c. 235 aber, wo die Kaisererhebung des Severus-Nachfolgers Anthemius im achten Jahr des Leo erwähnt wird, habe eine zweite Hand eine Korrektur vorgenommen: S. 18 Weil die Herrschaft Leos zeitgleich mit der des Severus-Vorgängers Majorian begonnen hatte (c. 183–5), dieser aber fünf Jahre geherrscht hatte, konnte das achte Jahr des Leo in c. 235 erst das Jahr Severus III bezeichnen. Statt nun jedoch einfach die Angabe VIII für die Herrschaft Leos in c. 235 in das stimmigere VIIII zu ändern,32 habe ein Korrektor das Jahr Severus II in c. 218 gestrichen und die Jahre Severus III u. IIII in c. 222 u. 231 um jeweils ein Jahr nach unten korrigiert. Dieser zwischenzeitliche Zustand bildet die Basis der Überlegungen von Courtois. Da sich nun aber der erwähnte Widerspruch zu c. 231 (Tod des Severus im vierten Herrschaftsjahr) ergab, habe eine dritte Hand die nunmehrigen Jahre Severus II (c. 222) u. III (c. 231) wieder um ein Jahr hochgesetzt, allerdings auch das eigentlich korrekte Jahr Severus I (c. 212), anstatt das ursprüngliche Severus II wiederherzustellen. Als nun fehlendes erstes Severus-Jahr wurde dann das Jahr Majorian V gesetzt, womit nun das eigentliche zweite Jahr des Kaisers (c. 218) fehlte. Die Beobachtungen von Burgess werden von Korrekturspuren im hss. Befund gedeckt; auch unabhängig von Hydatius datierbare Ereignisse fügen sich ins Bild. Es bleibt das Problem der Synchronisierung mit der Ära nach Christi Geburt. Die von Burgess vorgeschlagenen Doppeldatierungen in c. 222 u. 231 sind zwar unschön, hier aber – im Gegensatz zu den letzten Jahren Valentinians III. (s. o.) – kaum zu vermeiden.33

Anthemius I u. II (a. 467/68): Die für Severus I–IIII erläuterte Änderung zweiter Hand in B, also das Wegfallen des Jahres Severus II, führte dazu, dass die Olympiade 311 plötzlich ein Herrschaftsjahr zu wenig aufwies. Burgess, Chronicle 44 meint, derselbe Korrektor habe daher unmittelbar vor der Angabe zur 312. Olympiade (bei c. 241) ein fiktives Jahr Anthemius II eingefügt und das ursprüngliche Anthemius II (c. 245) zu Anthemius III geändert. Entsprechende Spuren der Änderung lassen sich in B erkennen.

3. Die Chronik als Universalchronik?

In formaler Hinsicht verfasste Hydatius kein in sich abgeschlossenes Werk, sondern setzte lediglich die Chronik des Hieronymus in seine eigene S. 19 Lebenszeit hinein fort. Hieronymus hatte die auf Griechisch verfasste Weltchronik des Eusebius von Caesarea, die bis 325 reichte, ins Lateinische übertragen und sie dabei bis zum Tod des Valens in der Schlacht von Adrianopel 378 fortgeführt, ein Vorgehen, von dem Hieronymus selbst im Vorwort zu seiner Eusebius-Aneignung Zeugnis ablegt.34 Hydatius ist sich dieser Entstehungsgeschichte seiner Vorlage bewusst, wie seine eigene Praefatio zeigt. Ganz im Sinne des Gedankens einer fortlaufenden Geschichtsschreibung setzte der spanische Chronist nun den Text des Eusebius-Hieronymus fort und ging seinerseits davon aus, dass auch er einst Fortsetzer finden würde.35 Der Anschluss an die ältere Chronik erfolgte dabei nicht allein in inhaltlicher Hinsicht, also durch die fehlende Überlappung der Betrachtung; Hydatius wahrte auch weitgehend die Form des Hieronymus-Textes: die Ordnung des Berichts nach Jahren, die Zählung dieser Jahre nach römischen Kaisern, Olympiaden und Abraham,36 den – zumindest im ersten Teil – reduzierten Stil. Da Hydatius formal also gar kein eigenständiges Werk verfasst hat, sollte sich die Frage nach der Gattung seiner Chronik auch eigentlich gar nicht stellen: Es ist schon prima facie davon auszugehen, dass der Spanier seine Chronik(fortsetzung), wie schon Eusebius und Hieronymus, als Universalchronik auffasste.

Diese scheinbar so einfache Gattungszuordnung sieht sich allerdings mit zwei problematischen Befunden konfrontiert, zum einen mit einer für Chroniken untypischen Narrativität (zumindest im zweiten Teil des Berichts), zum anderen mit Hydatiusʼ Konzentration auf die spanischen Verhältnisse. Zunächst zu diesem spanischen – oder gallaecischen – Fokus: Dieser ist schwerlich einer konzeptionellen Entscheidung geschuldet, sondern schlicht den zunehmenden Problemen des Hydatius, an überregionale Informationen zu gelangen. Im Zuge der politischen Umgestaltung des Römischen Reichs S. 20 durch die Völkerwanderung hatten sich auch die reichsweiten Kommunikationswege verändert, und das nicht gerade zu Gunsten der Heimat des Chronisten, Gallaecia, die auch schon unter Bedingungen einer vollumfänglichen Reichseinheit „am Ende der Welt“ gelegen hatte. Hydatiusʼ Informationsfluss lief dabei in erster Linie über Gallien, wie die Informationspolitik von Papst Leo im christologischen Streit zeigt, die auch in der Chronik Niederschlag findet. Gerade diese Kontakte nach Gallien waren durch die Emanzipation der dort siedelnden Westgoten jedoch zusehends gestört; aus anderen Provinzen des Reiches hingegen war die Gallaecia kaum zu erreichen, da sie nicht ans Mittelmeer angrenzte.37 Dass sich die nicht zu leugnende Regionalisierung der Chronik im Laufe des Berichts verstärkt, macht deutlich, dass die Fokusverengung tatsächlich aus der Not geboren und nicht per se einer konzeptionellen Entscheidung des Chronisten geschuldet war. Aus dem Befund eines spanischen Fokus der Chronik auf einen ‚Nationalismus‘ des Chronisten zu schließen – und sei es nur im Sinne einer kulturellen, historischen und politischen Eigenständigkeit –, wie es gerade die ältere spanische Forschung getan hat, ist jedenfalls verfehlt, zumal die zentrale ideologische Bezugsebene des Chronisten zeit seines Lebens das Römische Reich bleiben sollte (s. u. Kap. III.1).38

Im Übrigen sind entsprechende Beobachtungen letztlich bei allen Hieronymus- Fortsetzern der ersten und zweiten Generation zu machen, nicht allein beim Spanier Hydatius. Als Ausnahme mag lediglich Prosper gelten, der sich durchgehend einen überregionalen Fokus bewahren konnte, was vor allem an seiner günstigen Informationslage in Rom lag. Schon der Gallische Chronist von 452 aber legte ein vornehmlich Gallien berücksichtigendes Werk vor, eine Tendenz, die sich bei Chronisten des sechsten Jahrhunderts dann vollends Bahn brechen sollte.39 Die literarische Regionalisierung der Chronistik spiegelte also gewissermaßen die politische Fragmentierung des faktisch eben gar nicht mehr so einheitlichen Reichs, ohne dass darin eine S. 21 Abgrenzung der jüngeren Chronisten von Hieronymus gesehen werden sollte. Schon bei diesem kommt es ja zu einer gewissen Fokusverengung, wenn sich die Herrscherlisten verschiedener Völker ab 71 n. Chr. (Hier. chron. a. Abr. 2087) endgültig auf die römischen Kaiser konzentrieren, womit sich selbst die ursprüngliche Universalchronik zu einer Chronik des Reichs – bzw. des Christentums innerhalb dieses Reichs – verengt. Eine dann noch weiter gehende Fokusverengung hin zu einer rein regionalen Chronistik war letztlich also schon in der Urchronik angelegt.

Es bleibt die Frage, ob wir es angesichts des teilweise sehr ausladenden Stils des Hydatius bei seinem Werk überhaupt noch mit einer Chronik im engeren Sinne zu tun haben. In formaler Hinsicht sprechen der Anschluss an die Chronik des Hieronymus, die Sortierung des Berichts nach Jahren und die Verwendung verschiedener Datierungssysteme eindeutig dafür; auch weist die Gestaltung gerade der frühen Abschnitte keine größeren gattungstheoretischen Probleme auf. Allerdings werden die Berichte im Laufe der Zeit ausführlicher, in Teilen geradezu narrativ. Darüber hinaus vermeidet Hydatius in der Praefatio den Gattungsbegriff ‚Chronik‘ und erweckt so den Eindruck, in seiner Selbstsicht eher eine klassische Geschichtsdarstellung schreiben zu wollen – auch wenn er sich des strukturellen Aufbaus einer Chronik bedient.40 Dass sich der Text einer klaren Zuordnung entzieht, liegt in Teilen aber nicht zuletzt daran, dass die Gattung ‚Chronistik‘ an sich nicht trennscharf definiert ist.41 Der Versuch, Hydatius einer bestimmten Gattung zuzuordnen, ist letztlich ahistorisch; für ihn selbst besaß die entsprechende Frage wahrscheinlich keine größere Relevanz. Seine Abgrenzung von Sulpicius Severus in c. 37a, dieser habe eine Chronik abgefasst, „die sich von dieser unterscheidet“, spräche jedenfalls wieder dafür, auch Hydatiusʼ Werk als Chronik zu verstehen. Hält man sich vor Augen, dass die Chronik des Sulpicius Severus ihrerseits noch stärker narrativ angelegt war als die des Hydatius, zeigt sich endgültig, dass die Frage nach dem Genre unserer Chronik ein Scheingefecht ist.

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4. Quellengebrauch und Informationsgehalt

Hydatius äußert sich in der Praefatio ausdrücklich zu seiner Quellenverwendung (praef. 2,7 f.): Seine Informationen habe er aus schriftlichen Quellen, Berichten anderer Personen und eigenem Erleben geschöpft, wobei er die schriftlichen Quellen nur bis ins Jahr seiner Bischofsweihe 427 genutzt habe. Diese Aussage lässt sich bezogen auf literarische Quellen im Bericht der Chronik weitgehend bestätigen, da der Chronist dazu neigt, in geradezu buchhalterischer Manier die Herkunft seiner Informationen offenzulegen.42 Zwar bleibt der Gebrauch dokumentarischer Schriftzeugnisse auch nach 427 noch erkennbar, diese bucht der Chronist aber offensichtlich unter die Berichte seiner Gewährsmänner, nicht unter sein studium scriptorum. Zu den explizit benutzten Quellen gehören dabei vornehmlich Werke kirchlicher Provenienz: Dem Chronisten lagen Schriften der Kirchenväter Augustinus (c. 53) und Hieronymus43 (c. 59) vor, die Chronik und die Vita Martini des Sulpicius Severus (c. 37a; dazu c. 13 aus Sulp. Sev. chron. 2,48) sowie die Werke des Paulinus von Nola (c. 81) und höchstwahrscheinlich auch die Ostertafel des Theophilus von Alexandria (c. 5).44 Für den frühesten Berichtteil, die Herrschaft Theodosiusʼ II., lassen sich darüber hinaus stillschweigende Übernahmen aus anderen Werken greifen, allen voran zu den Consularia Constantinopolitana, auf die Muhlberger, Chroniclers 205 bis zum Jahr 389 ganze 13 von 19 Einträge zurückführt.45 Seinen spanischen Landsmann Orosius kannte Hydatius dagegen wohl nicht, ebenso wenig wie die Chronik seines Genregenossen Prosper; gewisse Ähnlichkeiten zu beiden müssen über eine gemeinsame Quelle vermittelt worden sein.46 Für die Zeit von 410 bis 439 schließlich nimmt Burgess, Gallia Romana 20 „some sort of southern Gallic annalistic document“ als Quelle an, aus der Hydatius S. 23 seine Informationen zur Abwehr von Usurpatoren schöpfte sowie sein Wissen zur gotischen Geschichte der entsprechenden Jahre.

Die Breite der Rezeption literarischer Werke unterstreicht die Bildung des Chronisten und wirft ein interessantes Licht auf die Zugänglichkeit von Literatur in der Gallaecia in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts. Umso bemerkenswerter ist, dass diese Rezeption ab Mitte der 420er abbricht, was Hydatius in seinem Vorwort freimütig einräumt. Die sich dadurch ergebenden Informationslücken füllt die Chronik dann durch eine verstärkte Nutzung dokumentarischen Materials. Schon in den früheren Passagen hatte Hydatius Informationen den Akten des Konzils von Toledo 400 (c. 31), einem Brief des Praylios von Jerusalem 419 (c. 66) sowie einem Schreiben des Paulinus von Béziers (c. 73) entnommen. Nach dem methodischen Einschnitt von 427 finden dann die epist. 3 des Cyrill von Alexandria an Nestorius (c. 109), die Berichte Papst Leos über die Manichäer aus dem Jahr 445 (c. 133), ein Brief desselben Papstes an Thoribius von Astorga 447 (c. 135), der berühmte Tomus Leonis ad Flavianum aus dem Jahr 448 (c. 145) sowie ein Brief des Euphronius von Autun (c. 151) Erwähnung. Die Präferenz, die der Chronist von 427 bis etwa 450 für dokumentarische Zeugnisse an den Tag legt, erklärt sich dabei nicht allein aus dem Fehlen literarischer Werke für diese Zeit; sie ist zumindest in Teilen konzeptionell grundgelegt. Das chronologische Zusammentreffen von Bischofsweihe und Quellenwechsel ist in diesem Sinne sicherlich kein Zufall: Mit seiner Bestellung zum Bischof war Hydatius von nun an in die Zirkulation entsprechender Schreiben und Berichte eingebunden, und möglicherweise hielt er sie aufgrund ihrer größeren Unmittelbarkeit auch für verlässlicher.47 In diesem Sinne ist es aufschlussreich, dass Hydatius 431/32 ja selbst zur Quelle seines eigenen Berichts wurde. Informationen über die gallischen Feldzüge des Aëtius in Gallien dürfte er im Rahmen seiner Legation zum Magister militum erhalten haben, an den Verhandlungen des Comes Censorius mit Gallaeciern und Sueven war er selbst beteiligt. Auch die Berichte der Chronik zu gallaecischen Verhältnissen beruhen natürlich auf Autopsie.

Die Verwendung dokumentarischer Quellen bricht zu einem vergleichsweise frühen Zeitpunkt ab, nämlich 452.48 Dass dieser Einschnitt parallel zur zunehmenden Regionalisierung der Berichtinhalte erfolgt, die keiner konzeptionellen Entscheidung geschuldet ist (s. o.), erweist den Quellenwechsel S. 24 als Produkt der Not, nicht der Konzeption. Er dürfte mit der Störung überregionaler Kommunikationswege zu tun gehabt haben, von dem die entlegene Gallaecia in besonderem Maße betroffen war. Die Heimatprovinz des Hydatius war in erster Linie über den Seeweg nach Südgallien mit dem Reich verbunden. Dass diese Region ein Knotenpunkt für den Informationsaustausch zwischen ganz Spanien und dem Kerngebieten des Reichs war, zeigte sich, als der Tomus Leonis Papst Leos nachweislich über die Vermittlung gallischer Bischöfe nach Spanien gelangte, diese Bischöfe die Vermittlung der Ergebnisse von Chalcedon auf die Halbinsel nur wenig später hingegen aus nicht gänzlich klaren Gründen unterließen.49 Aber auch schon 431 war keine Kunde über die Reichssynode von Ephesus auf diesem Weg in die Gallaecia gelangt, Hydatius ist über das Konzil nur durch den eher zufälligen Besuch eines arabischen Presbyters unterrichtet (c. 106). Zum einen dürfte also das Erstarken des südgallischen Westgotenreichs sowie der zunehmende Kontrollverlust Ravennas über die nominell noch römische Tarraconensis (vgl. bagaudische Unruhen dort: c. 125. 141. 158) den Austausch der Gallaecia mit Gallien erschwert haben, zum anderen mangelte es den zentraleren Akteuren mitunter auch am Willen, Informationen in jedem Fall bis nach Spanien gelangen zu lassen.50

Ab den 450er Jahren ist Hydatius jedenfalls fast gänzlich auf selbst beschaffte Informationen angewiesen. Zwar hat er solche auch schon vorher genutzt, diese Nutzung wird nun aber extensiviert.51 Eine wichtige Rolle spielen hierbei Legationen von und nach Gallaecia, von denen der Chronist S. 25 gerade in den späten Passagen seines Berichts verstärkt berichtet.52 Aber auch Gerüchte über Prodigien finden nun ihren Platz, genauso wie die Berichte nicht näher bekannter östlicher Seeleute. Ein Nebeneffekt der verschlechterten Informationslage für die Bewertung der Inhalte der Chronik ist also, dass gerade für die späten Passagen des Berichts nicht mehr mit allzu großen Auswahlprozessen des Materials gerechnet werden darf. Hydatius scheint eine verstärkte Neigung entwickelt zu haben, alle Informationen, die ihn überhaupt noch erreichten, festzuhalten, ein konziser innerer Zusammenhang des Berichts geht zunehmend verloren, womit die Chronik an vielen Stellen, auch aufgrund eines uns heute mangelnden Kontextwissens, unverständlich bleiben muss.

Der Informationsgehalt der Chronik ist schwankend, die Quellenlage komplex. Hydatius führt damit beispielhaft Möglichkeiten und Beschränkungen – persönliche, geographische, politische – des Informationsaustausches im Kontext des spätrömischen Reichs vor Augen, und das über einen längeren Zeitraum. Gerade die deutlichen Veränderungen im Laufe der Zeit machen die Bewertung von Nachrichten bei Hydatius aber stark vom Einzelfall abhängig, globale Aussagen zur Qualität der Chronik sind kaum möglich. Immerhin gibt uns der spezifisch offene Umgang des Chronisten mit den Wegen und Problemen seiner Informationsbeschaffung einen Schlüssel zur Gewichtung der Informationen an die Hand;53 gleichzeitig liegt in diesem Umstand die Warnung, dass chronistische Texte nicht, wie es in der Forschung weiterhin geläufig ist,54 als Steinbrüche für ereignisgeschichtliche Belege taugen.

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5. Rezeption und historischer Wert

Zeitgenössisch wurde die Chronik nicht über die Maßen stark rezipiert. Gerade ihre späteren Passagen dürften aufgrund des lokalen Charakters außerhalb von Spanien nicht auf übermäßig großes Interesse gestoßen sein. Hinzu kam die untypische Ausführlichkeit einiger Berichtteile, die der Nutzung der Chronik durch nachfolgende Generationen ebenfalls im Weg stand, immerhin lag der Grund für die Beliebtheit des Genres gerade in seiner Kürze. 55 Eine ausführliche Nutzung erfuhr die Chronik daher letztlich nur durch Isidor von Sevilla im siebten Jahrhundert, der auf sie als Hauptquelle für sein Geschichtswerk über Goten, Vandalen und Sueven zurückgriff. Im Rahmen der Chronistik fand Hydatius, entgegen seiner eigenen Erwartung (praef. 2,9), hingegen keine Fortsetzer im eigentlichen Sinne, lediglich an verkürzende Auszüge der Chronik wurden mitunter weitere Teile angefügt, bspw. die Fortführung der spanischen Epitome (KFHist G 10; in diesem Band). Ganz allgemein fand die Aneignung der Chronik meist in epitomierender Form statt: Neben der Tradition der spanischen Epitome (H), die sich bald nach dem Ende des Berichts gebildet hat, übernimmt auch die sog. Fredegar- Chronik (F) vereinzelt Material aus Hydatius für ihre auf die Franken fokussierende Geschichtsdarstellung.56 Diese selektive Aneignung dürfte bereits frühzeitig zu größeren Verlusten im Textbestand geführt haben, offenbar lag bspw. bereits der Gallischen Chronik von 511 der Gesamttext des Hydatius nicht mehr vor;57 auch Lücken in Hs. B sprechen für einen frühzeitigen Eingang größerer Lücken in die Überlieferung.

Ganz anders steht es mit dem modernen Interesse am Text: Von allen lateinischen Chroniken des fünften Jahrhunderts darf diejenige des Hydatius als die am stärksten beforschte gelten, dazu als diejenige mit den meisten Editionen und Übersetzungen. Dies lag zunächst am Lokalinteresse spanischer und portugiesischer Forscher, das insb. seit den 1950er Jahren zu einer S. 27 ganzen Reihe an Publikationen über den Bischof und sein Werk geführt hat, freilich in schwankender Qualität. Mit dem bereits erwähnten (Kap. II.2) Versuch der Chronologie-Revision durch Christian Courtois sprang das Interesse auf die außeriberische Forschung über. Bereits 1974/75 widmete Concetta Molè der Chronik zwei ausführliche Aufsätze, Ende der 1980er wählte Richard W. Burgess den Text als Thema seiner PhD-Thesis – auf diese baut seine 1993 erschienene Ausgabe auf –, nur wenig später erschien eine umfassende Hydatius-Studie von Carmen Cardelle de Hartmann. Die Chronik war darüber hinaus Bestandteil der Untersuchung dreier lateinischer Chroniken durch Steven Muhlberger sowie notwendigerweise Gegenstand jeglicher Publikation zum spätantiken Spanien.58 In ihrem Charakter als solitäres Zeugnis zur spanischen Geschichte des fünften Jahrhunderts und zur Frühphase des Suevenreichs liegt zweifelsohne auch ihre zentrale Bedeutung.59 Zwar warnt Kulikowski, Spain and its Cities 153–5 mit einigem Recht davor, die gallaecische und in weiten Teilen elitäre Perspektive des Chronisten absolut für die Perspektive aller seiner Zeitgenossen und Landsmänner zu setzen, trotzdem verliert die Feststellung von Thompson, Roman Spain 1:3 dadurch nicht an Gültigkeit: „If there were no Chronicle of Hydatius there would be no history of Spain in the fifth century.“60

Solche Alleinstellungsmerkmale sollten jedoch nicht mit einer besonderen Qualität verwechselt werden. Auch wenn sich allzu negative Urteile gegenüber der Gattung ‚Chronistik‘ im Allgemeinen und gegenüber Hydatius im Speziellen in den letzten Dekaden relativiert haben, ist es doch, gegen Burgess, kaum angebracht, Hydatius als den besten Historiker seiner Zeit zu loben, wo er doch zunächst einmal nicht viel mehr als der einzige Historiker seiner Zeit – und Herkunft – ist.61 Vieles von dem, was er berichtet, ist jedenfalls unzusammenhängend und für sich genommen kaum verständlich.62

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In Teilen ist das freilich nicht seine Schuld, da uns eine Verständnis fördernde Parallelüberlieferung zu vielen Details seiner Darstellung fehlt. In Teilen liegen die Probleme aber tatsächlich bei ihm: Angesichts seines Informationsmangels (s. o. Kap. II.4) müssen wir für die Erstellung der Hydatius- Chronik, gerade in ihren späten Passagen, mit deutlich weniger durchgreifenden Prozessen der Materialauswahl rechnen als bei Prosper oder beim Gallischen Chronisten von 452. Da Hydatius sein Material weniger filtert als seine Genregenossen, ist es schwierig, das Material zu systematisieren; einzelne Details des Berichts lassen sich somit nicht zielsicher in einen umfassenden konzeptionellen Rahmen einordnen, da dieser weniger klar erkennbar ist. Damit sind gerade die Sonderinformationen der Chronik Fluch und Segen zugleich: Ohne sie wäre so gut wie gar nichts über das spätantike Spanien oder die Sueven zu sagen; mit ihnen ergibt sich ein möglicherweise zu einfaches, in Teilen vielleicht auch fehlerhaftes Bild, ohne dass die Möglichkeit bestehen würde, dieses Bild zu überprüfen.63

Immerhin warnt Hydatius durch seine expliziten Reflektionen zu Quellennutzung und Informationslücken vor den skizzierten Problemen und weist den Nutzer damit selbst den Weg zu einem vorsichtigen Umgang mit dem von ihm zur Verfügung gestellten Material. Und dort, wo ihm Fehler selbst nicht bewusst sind – spätestens mit Blick auf die Berichte zum Konzil von Ephesus (c. 106 u. 109) verliert man einen allzu voraussetzungslosen Glauben an die Qualität chronistischer Informationen –, bietet er unbeabsichtigt faszinierende Einblicke in seine ‚Werkstatt‘, also in die Arbeitsbedingungen eines provinzialen bischöflichen Chronisten des fünften Jahrhunderts. Gerade in solchen Aspekten liegt ein sekundärer historischer Wert der Chronik, die auch abseits der spanischen und suevischen Sonderinformationen interessante Perspektiven eröffnet, bspw. auf das spätantike Legationswesen, Pilgerreisen, die Verbreitung von Literatur oder die zeitgenössischen S. 29 Parusieerwartungen.64 Der Versuch, für die Qualität der Chronik einen absoluten Wert zu benennen, führt damit in die Irre. Die Feststellung, dass sich die Qualität einer Quelle immer relativ zum jeweiligen Forschungsinteresse ergibt, ist so trivial wie richtig. In dieser Hinsicht kann die Chronik des Hydatius der Forschung viel bieten, nicht nur, aber eben auch wegen dem Mangel an sonstigen Quellen; gerade dieser Mangel verlangt aber eine große methodische Vorsicht bei der Beschäftigung mit dem Text.

III. Inhaltliche Grundzüge

1. Gallaecia und das Römische Reich

Zwar verfasste Hydatius seine Chronik aus der Perspektive seiner Heimatprovinz Gallaecia,65 blieb sich dabei aber stets bewusst, dass diese Teil des Römischen Reiches war. Diese beiden administrativen und geographischen Einheiten bilden die Pfeiler der historischen Orientierung des Chronisten. Sein spanisches Profil ist dagegen eher schwach ausgeprägt, verstand sich der Bischof von Aquae Flaviae doch in erster Linie als Gallaecier, weniger als Spanier. Verhältnisse der anderen spanischen Provinzen rücken jedenfalls niemals systematisch in den Fokus. Die Gallaecia selbst war ein wichtiges kulturelles Zentrum der iberischen Halbinsel,66 wies dabei geographisch aber eine solche Randlage auf, dass sie von überregionalen Kontakten weitgehend abgeschnitten war, sieht man einmal vom südlichen Gallien ab. Beides spiegelt sich in der Chronik, die einerseits Zeugnis von der Gelehrsamkeit ihres Autors gibt, andererseits aber mit zunehmender Berichtlänge immer schlechter informiert ist (s. Kap. II.4). Von unmittelbarer Bedeutung für Berichtlegung und Geschichtssicht des Hydatius ist ferner der S. 30 Status seiner nordwestspanischen Heimat als Siedlungsgebiet der Sueven, also des einzigen der 409 nach Spanien gelangten Völker, das bis zum Ende des chronistischen Berichts auf der Halbinsel ansässig bleiben sollte.

Versucht man, sich dem Profil des Chronisten anzunähern, muss zunächst festgehalten werden, dass Hydatius in erster Linie nur für sich selbst spricht. Durch seinen gallaecischen Fokus lässt sich seinem Bericht keine für ganz Spanien typische Sicht auf die beschriebene Geschichte entnehmen; ebenso wenig spiegelt die Chronik aber die Perspektive aller romanischen Einwohner der Gallaecia. Hydatius nimmt, gerade hinsichtlich der barbarischen Invasion Spaniens, vielmehr eine Elitenperspektive ein, was angesichts seiner Zugehörigkeit zur soziopolitischen wie zur kirchlichen Führungsschicht seiner Heimat auch nur bedingt überrascht. Diese Perspektive wiederum bindet sich eng an die römischen Städte, welche gewissermaßen als administrative, kulturelle und religiöse Kristallisationspunkte eines von Hydatius so hochgehaltenen Römertums (s. u.) dienen.67 Im Fokus der Chronik auf die römischen Städte als Hort des Widerstands gegen Invasoren (z. B. c. 49. 91. 186) wird damit implizit ein Stadt-Land-Gefälle hinsichtlich der bindenden Kraft romanischer Identität deutlich. Es steht zu vermuten, dass gerade in den ländlichen Regionen der Gallaecia die Abgrenzung zu den barbarischen Neuankömmlingen weniger scharf war, als es die antisuevische Perspektive des Chronisten (Kap. III.2) vermuten lässt.68 Zwischen den Zeilen weist die Chronik mitunter sogar selbst darauf hin, dass mitnichten alle romanischen Spanier antisuevisch eingestellt waren. Es spricht sogar einiges dafür, dass die Expansion des Suevenreichs in den 440er Jahren auf einer Kooperation der Sueven mit der lokalen Vorbevölkerung fußte.69

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Für Hydatius war eine solche Kooperation nur schwerlich denkbar. Zwar stand auch er den Sueven nicht per se feindlich gegenüber und war 433 sogar an einem Friedensschluss zwischen den Gallaeciern – deren Existenz als monolithische Gruppe im Sinne des Hydatius freilich in Frage stehen muss (s. o.) – und den Sueven beteiligt (c. 100). Er betrachtet das germanische Volk aber doch als ordnungspolitischen Störfaktor, wie praef. 2,9 zeigt. Die Hydatius dabei vor Augen stehende Ordnung galt ihm als dezidiert römische Ordnung, die vom Reich verbürgt wurde und daher auch nur im Kontext des Reichs existieren konnte.70 Aus diesem Grund bleibt Hydatiusʼ Perspektive bis zum Ende der Chronik eine rein römische, seine zentrale Bezugsebene bleibt das Reich, dessen höchste Repräsentanten, die Kaiser, er akribisch verzeichnet und nummeriert. Die Chronik wertet allerdings nicht jeden Kaiser auf Grund dieser Rolle als Vertreter der römischen Ordnung automatisch positiv, sondern lässt durchaus Kritik an einzelnen Augusti erkennen. Lob und Tadel stehen dabei in Analogie zur Stabilitätsorientierung des Chronisten und zum Grad der Herauslösung der Gallaecia aus dem weströmischen Herrschaftsverband. Tendenziell nimmt die Wertschätzung des Hydatius für einzelne Kaiser im Laufe des Berichts daher ab. Während das theodosianische Haus – trotz der eher kritischen Sicht auf Valentinian III. – noch einen dynastischen Legitimitätsvorrang genießt,71 muss dem Chronisten mit dem Feldzug der Goten gegen die Sueven 456 (c. 173) bewusst geworden sein, dass seine Heimat von nun an kaum noch Hoffnung auf eine römische Restitutio hatte. Entsprechend deutlich fällt die Kritik an Kaiser Avitus aus, der dieser ordnungsbedrohenden – die Goten erwiesen sich in Spanien als Gefahr für die Städte, c. 174 u. 186 – Situation Vorschub leistet.72 Majorian S. 32 hingegen, der 460 zumindest noch den Versuch unternahm, die Autorität des Reichs gegen die barbarisch induzierten Partikularisierungstendenzen wieder durchzusetzen, wird trotz seines Scheiterns gelobt.73

Den parallel zur Fragmentierung des faktischen römischen Herrschaftsbereichs zunehmenden internen Rückgang kaiserlicher Autorität im Verhältnis zu den präsentalen Magistri militum reflektiert die Chronik dagegen nicht explizit, weshalb sich auch die Bewertung hoher Militärs nahezu ausschließlich am Maßstab ihres Beitrags zur Sicherung des Reichs orientiert. Anschaulich wird das bspw. an der negativen Bewertung des Agrippinus, dem vorgeworfen wird, Narbonne an die Goten verraten zu haben (c. 217), während sein Rivale Aegidius, der Gallien immerhin der Kontrolle des Kaiserhofs entzogen hatte, Lob erfährt, weil er Gallien „im Namen Roms“ vor barbarischen Übergriffen geschützt hätte (c. 228).74 Das Festhalten an solch imperialen Bewertungskategorien wird im Bericht umso stärker, je deutlicher Spanien vom Reich gelöst wurde. Dieser für Hydatius so typischen Spannung zwischen Ideologie und Realität entspringt auch die ungefilterte Aufnahme jeglicher das Reich betreffender Information gerade in den späten Passagen der Chronik. So interpretiert Börm, Hydatius 200 die häufige Erwähnung kaiserlicher Gesandtschaften als „Symbol dafür, dass Hispanien nicht vergessen und abgeschnitten war“.75 Realiter war es eben das aber doch. S. 33 Die Idealisierung des christlichen Ostens, den Hydatius noch vor dem Eindringen der Barbaren nach Spanien besucht hatte und der damit als darstellerischer Kontrast zu den Wirren der barbarischen Invasion dient,76 zeigt aber, dass der alternde Bischof von Aquae Flaviae nicht mehr dazu bereit oder dazu in der Lage war, sich mit den neuen Realitäten in seiner Heimat zu arrangieren.

Diese neuen Realitäten waren geprägt von einer zunehmenden Regionalisierung der politischen Verhältnisse. Den Sueven, der kleinsten der in Spanien eingedrungenen Gruppen, war es niemals gelungen, das Vakuum zu füllen, das der Rückzug der römischen Autorität aus Spanien – und später auch der Abzug der Vandalen nach Africa – hinterlassen hatte. Trotz der Versuche dazu, gerade in den 430er und 440er Jahren, übten die Sueven niemals eine faktische und durchgreifende Kontrolle über ganz Gallaecia, geschweige denn über ganz Spanien, aus.77 Folge der relativen suevischen Schwäche und der Notwendigkeit lokal organisierter Selbsthilfe – auf Ebene der unteren römischen Verwaltungseinheiten – war die Entwicklung kleinerer autonomer Gebiete, worauf die Vielzahl der von Hydatius erwähnten Verträge zwischen Sueven und Provinzialen hindeutet (c. 49 ?. 91. 96. 100. 113. 188. 204. 249). Konkret greifbar werden solche autonomen Einheiten dann im späteren Teil der Chronik, nach dem Ende des ersten Suevenreichs 456, bspw. am Fall von Aunona (c. 233. 239. 249) oder in Person des Lusidius, der Lissabon den Sueven übergibt und in der Folge in deren diplomatischen Dienst tritt (c. 246 u. 251).78 So verständlich dieser Aufbau lokaler Strukturen im Angesicht der zahlreichen Bedrohungen auch war, er konnte nicht zu einer Stärkung oder gar Rückgewinnung einer Ordnung beitragen, wie sie Hydatius vor Augen stand. „Any true believer in Roman order knew, as Hydatius did, that it could be restored only from the top, never from the S. 34 bottom“ (Muhlberger, Chroniclers 258) – der Chronist musste der Fragmentierung der politischen Landkarte daher kritisch gegenüberstehen. Dass es ihm offenbar wichtig war, in c. 111 u. 113 darauf hinzuweisen, dass der 433 unter seiner Mitwirkung geschlossene lokale Suevenfriede (c. 100) in der Folge auch von Ravenna bestätigt worden sei, unterstreicht dies ebenso wie seine mehrfach zum Ausdruck kommende Abneigung gegenüber bagaudischen Bewegungen.79

2. Das Barbarenbild der Chronik

Ausweislich der Praefatio waren es die Barbaren, die in der Gallaecia zuvorderst für den Bruch der römisch verbürgten Ordnung verantwortlich waren (praef. 2,9). Das spezifische Barbarenbild der Chronik darf daher besonderes Interesse beanspruchen. Dass die Fronten zwischen ‚Barbaren‘ und ‚Römern‘ dabei historisch keineswegs so klar waren, wie es die Chronik – und auch andere Quellen – auf den ersten Blick glauben macht, ist hier insofern nebensächlich, als Hydatius in seiner ausschließlichen Orientierung am Reich ohnehin nicht sonderlich interessiert an den Barbaren war. Er steht ihnen auffällig distanziert gegenüber, sogar die in der Gallaecia siedelnden Sueven blieben ihm zeit seines Lebens fremd.80 Vor diesem Hintergrund sei abermals davor gewarnt, die Perspektive des Hydatius mit der typischen Perspektive eines zeitgenössischen romanischen Provinzialen gleichzusetzen; der Chronist spricht zunächst einmal nur für sich selbst.

Zwar ist das Barbarenbild des Hydatius nicht gänzlich kohärent und hat offenbar eine gewisse Evolution durchgemacht, nichtsdestoweniger bleibt festzuhalten, dass der Chronist den barbarischen Völkern insgesamt feindselig gegenübersteht.81 Diese Feindschaft ist dabei nicht allein auf die seit 411 in seiner Heimat ansässigen Sueven82 beschränkt, sondern erstreckt sich S. 35 auf alle gentilen Gruppen. Anders als beim Gallischen Chronisten speist sich die Feindschaft auch nicht aus der dogmatischen Perspektive eines barbarischen Arianismus, wie es für einen bischöflichen Berichterstatter eigentlich naheliegen würde. Hydatius steht dieser Häresie zwar keineswegs indifferent gegenüber (c. 37. 118. 120. 232), sieht als theologische Hauptgefahr seiner Zeit und Region aber nicht die – wohl ohnehin noch im Fluss befindliche – konfessionelle Orientierung einer zahlenmäßig kleinen Gruppe von Zuwanderern, sondern den spezifisch römischen Priscillianismus.83 Sein Interesse an den Barbaren fokussiert dagegen in erster Linie auf die politische Ebene der Effekte ihrer Anwesenheit für Spanien und die Gallaecia. Diesem Fokus gemäß begegnen Barbaren vor 409 auch allenfalls vereinzelt als Gegner des Theodosius im Osten (c. 3. 6 f. 12). Nicht einmal vom Rheinübergang der später, im Jahr 409, nach Spanien gelangten Vandalen, Alanen und Sueven berichtet die Chronik.84

Der eigentliche Bericht über die barbarischen Völker in der Chronik beginnt dann dramatisch, nämlich mit der reichlich ausgeschmückten und einer apokalyptischen Deutung unterzogenen Schilderung der Invasion Spaniens 409 (c. 46–9). Es ist dieser literarisch überformte Kontext, der dazu führt, dass Hydatius an dieser Stelle viermal den negativ besetzten Kollektivbegriff barbarus benutzt, der in der weiteren Folge der Chronik nur noch S. 36 zwei weitere Male begegnen wird.85 Dieser quantitative Befund legt nahe, dass der Chronist bei aller Abneigung gegenüber den barbarischen Gruppen keineswegs gänzlich undifferenziert ist. Tatsächlich steht im Kern seiner Kritik auch niemals der Vorwurf eines ‚Barbarentums‘ per se, sondern ganz konkret eine geradezu notorische Wortbrüchigkeit, meist: perfidia.86 Insbesondere die Sueven hätten laut Hydatius wiederholt gegen Friedensverträge mit der gallaecischen Bevölkerung verstoßen. Da der Chronist in einem Fall selbst am Zustandekommen eines solchen Vertrags beteiligt war, ist seine Empörung über die Unzuverlässigkeit seiner Vertragspartner nachvollziehbar. Der entsprechende Vorwurf trifft aber nicht ausschließlich die Sueven. Der Chronik scheint Wortbrüchigkeit eher als gemeinbarbarischer Wesenszug zu gelten: Ein Frieden mit den Goten begegnet als infida pax (c. 7), gotische Verbände legen perfidia an den Tag (c. 186), Hunnen brechen einen Frieden (c. 150) und der Vandalenkönig Geiserich bemächtigt sich der Stadt Karthago durch eine List (c. 115). Eine Variante dieses Wesenszuges stellen die mehrfach berichteten Morde durch und zumeist an Barbaren dar (c. 60 Athaulf; c. 156 Thorismund; c. 195 Bruder des Maldras; c. 237 Theoderich II.), denen in c. 162 sogar ein römischer Protagonist zum Opfer fällt, Kaiser Valentinian, der 455 explizit per duos barbaros getötet wird.

Freilich bildet diese Unzuverlässigkeit der Barbaren nicht das Problem an sich, sondern verweist auf die hydatianische Stabilitätsorientierung. Der Chronist weist in praef. 2,9 darauf hin, dass es infolge des Eindringens der Barbaren zu einem honestae libertatis interitus in der Gallaecia gekommen sei. Die nach Spanien gelangten Gruppen stellen für Hydatius demzufolge in erster Linie eine Bedrohung der zivilen Ordnung dar, die der Chronist offenbar vor allem als soziale Ordnung auffasst, nämlich als die Ordnung der Honestiores. Deren gesellschaftliche Stellung wurde von den neuen Akteuren schon allein dadurch bedroht, dass diese für eine grundlegende Unsicherheit und Unordnung sorgten.87 Die notorische Unzuverlässigkeit der S. 37 Barbaren spielte für diese Unordnung zwar eine wichtige Rolle, war aber kaum ihr einziger Grund. Darüber hinaus waren die Barbaren für den Chronisten keinesfalls die einzige ordnungsstörende Gruppe. Eine große Rolle in der Chronik spielen auch Bagauden, deren Unruhen laut Salv. gub. 5,5 f. (21–6) ja durch das Eindringen barbarischer Völker überhaupt erst katalysiert wurden, und die sich ebenfalls gegen althergebrachte Eliten richteten.88 Für 449 beschreibt Hydatius den Mord einer Bagaudenschar am Bischof von Tarazona; es sind ausgerechnet diese frevelnden Bagauden, mit denen in unmittelbarer Folge der Suevenkönig Rechiar kooperieren sollte (c. 141 f.). Kaum zufällig greifen wir den Höhepunkt der Kritik des Hydatius an den Sueven also an dem Moment, an dem diese mit im weitesten Sinne romanischen Banditen zusammenarbeiten. Wie wichtig Hydatius die bagaudische Bedrohung nahm, zeigt sich übrigens daran, dass ihre Bekämpfung durch barbarische Akteure auf seine explizite Zustimmung stößt: Der Chronist scheut sich bspw. nicht, den Sieg des Goten Frederich über Bagauden in der Tarraconensis zu erwähnen (c. 158).

Nun deckte sich dieser Sieg aber nicht allein mit den soziopolitischen Ordnungsinteressen des Hydatius, sondern erfolgte darüber hinaus ausdrücklich ex auctoritate Romana. Und gerade im Kontext solch von Ravenna angestoßener Maßnahmen erscheint nun sogar die sonst so vehement kritisierte barbarische Verschlagenheit nicht mehr als Problem: Als die Westgoten 417 durch eine List den König der Silingen gefangen nehmen, preist Hydatius diese Maßnahme als ingeniosus (c. 62a) – kein Wunder, erfolgte sie doch im direkten Auftrag des weströmischen Regimes.89 Gerade an dieser Stelle zeigt sich die Relativität des Barbarenbildes bei Hydatius, die darauf fußt, dass der Chronist eben mitnichten ein tieferes Interesse für diese Gruppen an den Tag legt. Die Bewertung einzelner Völker ist bei ihm abhängig von der jeweiligen politischen Rolle, die diese an einer Stelle für den römischen Bezugskontext spielen. Das Agieren im Namen der römischen Führung wird positiv bewertet, was übrigens zeigt, dass Hydatius die in seinen Augen bedrohte Ordnung weiterhin als römisch verbürgt versteht. Allerdings bekommt dieses relational von römischen Autoritäten abhängige Bewertungsschema S. 38 barbarischen Wirkens im Verlauf des Berichts Risse, spätestens als die von Ravenna 456 gegen die Sueven nach Spanien gesandten Goten ihren Sieg dort zu einer ausgedehnten Plünderung gallaecischer Städte nutzen, etsi incruenta … tamen satis maesta et lacrimabilis (c. 174). Die Kritik trifft nun aber weniger die Goten an sich als den verantwortlichen römischen Kaiser Avitus, den der Chronist ohnehin kritisch sieht und dessen Legitimität – damit auch die Legitimität des aus dem Ruder gelaufenen gotischen Kriegszugs – er dadurch in Zweifel zieht, dass er die gallisch-partikulare Fundierung seiner Herrschaft betont (s. o. Kap. III.1).90

Während der römische Auftrag also erstmals 456 dabei versagt, ein barbarisches Volk an ein ‚römisches‘ Vorgehen zu binden, hat Hydatius schon für das Jahr 448 darauf hingewiesen, dass Annäherungen an typischerweise ‚römische‘ Positionen nicht dazu in der Lage waren, genuine barbarische Eigeninteressen zu zügeln. Der Suevenkönig Rechiar ließ trotz seines katholischen Glaubens nicht von traditionellen Plünderungen ab (c. 137).91 Überhaupt ließen sich die Ebenen ‚Barbar‘ und ‚Römer‘ für Hydatius immer seltener sauber trennen.92 All das führt in den letzten Sektionen des Berichts schließlich zu einer Normalisierung des Barbarenbildes, die mit der zunehmenden Fragmentierung der politischen Bezugsgrößen vor Ort einhergeht S. 39 und in der Sueven und Goten schlussendlich nicht mehr und nicht weniger sind als zwei von mehreren Gruppen, die die Situation in Spanien mitbestimmen. Dass sich manche Zeitgenossen dabei leichter taten, sich mit diesen neuen Realitäten zu arrangieren, als Hydatius, zeigt die Chronik zwischen den Zeilen wiederholt selbst.93

3. Bedrohungen der Kirche

Trotz der Berücksichtigung mehrheitlich weltlicher Berichtereignisse handelt es sich bei der Chronistik des fünften Jahrhunderts letztlich um eine kirchliche Gattung. Allein die Autorschaft durch Personen aus dem kirchlichen Umfeld – Prosper als päpstlicher Kanzlist, der Gallische Chronist als Mönch, Hydatius als Bischof – spricht dafür. Zumindest Prosper und die Gallische Chronik stellen ihre Betrachtungen darüber hinaus unter einen kirchlichen Darstellungsprimat: Prosper fokussiert die Wirkmächtigkeit des Papsttums und kontrastiert diese mit einer zunehmenden Ohnmacht weltlicher Instanzen, der anonyme Gallier stellt den Rückzug der römischen Autorität aus den Provinzen des Reichs unter die Leitperspektive des vordringenden barbarischen Arianismus.94 Bei Hydatius ist solch ein kohärenter kirchlicher Betrachtungsfokus schwieriger auszumachen, was daran liegt, dass schon der generelle Fokus seiner Chronik angesichts ihrer wenig klaren Auswahlkriterien stärker als bei anderen Werken im Dunkeln bleibt. Sieht man Hydatius aber als den Chronisten des Verlustes einer römischen Ordnung in Spanien (Kap. III.1) und führt sich vor Augen, dass ein zentraler Aspekt dieser römischen Ordnung für ihn selbstverständlich das katholische Christentum war, so kommt man nicht umhin, auch den in der Chronik greifbaren kirchlichen Bedrohungen eine konzeptionelle Relevanz für die Darstellung zuzuweisen. Einmal mehr ist es die Praefatio, in der der Chronist darauf hinweist, dass es in erster Linie die desintegrativen Effekte für die Ordnung der Kirche waren – unrechtmäßige Weihen und der Verlust an religiöser Ehrfurcht –, die ihn am barbarisch induzierten Ordnungsverlust interessierten. 95

S. 40

Dass die militärisch-politische Entwicklung auf der iberischen Halbinsel in den Augen des Chronisten überhaupt Effekte auf die Kirche haben konnte, zeugt von einer Position zur Kirchenpolitik, die häufig als ‚byzantinisch‘ beschrieben wird, die aber im fünften Jahrhundert auch im Westen offensichtlich noch fortdauerte. Für Hydatius – wie im Übrigen auch für den Gallischen Chronisten von 452 – hingen Wohl und Stabilität der Kirche eng an Wohl und Stabilität des Reichs. Dass die von Hydatius als Phase politischer Stabilität idealisierte Frühzeit der Chronik von der Erwähnung frommer und durchsetzungsstarker Bischofspersönlichkeiten geprägt ist (bis zur Spanieninvasion [ohne Papstliste]: c. 5 Theophilus von Alexandria; c. 8 Ambrosius von Mailand u. Martinus von Tours; c. 13 Damasus von Rom sowie Ambrosius u. Martinus; c. 37 Johannes Chrysostomos; c. 38 Johannes von Jerusalem, Eulogius von Caesarea, Epiphanius von Salamis sowie Theophilus), unterstreicht diesen Befund.96 Und auch, dass die wichtigsten Episoden häretischer Bedrohung in der Chronik in den Zeitraum nach der Invasion Spaniens durch barbarische Völker fallen, ist in dieser Perspektive kein Zufall: Während bspw. Priscillian in den Rahmenbedingungen des stabilen Reichs noch abgewehrt werden konnte (c. 13 u. 16), begann seine Häresie später in der Situation der desintegrierten römischen Herrschaft in der Gallaecia wieder zu florieren.97 Auf die Idee Prospers, dass die katholische Kirche in dieser Situation ohne die Homologie zum geschwächten Kaisertum, die dessen Schwäche in die Kirche importierte, besser dran sein könnte, kommt Hydatius nicht. Es war diesbezüglich Prosper, der mit seiner Trennung der Geschicke von Kirche und Reich eine Ausnahme bildete. Möglicherweise spiegelt sich in der bischöflich veranlassten Vertreibung des Manichäers Pascentius aus der Lusitania (c. 138) sogar der vorsichtige Gedanke des Austauschs der weltlichen Schutzherrschaft über die Kirche, weg vom machtlosen Kaisertum hin zu den faktischen barbarischen Herrschern auf der iberischen Halbinsel. In Mérida residierte zu dieser Zeit immerhin der Suevenkönig Rechiar, von dem c. 137 explizit seinen katholischen Glauben bezeugt.98

S. 41

Wie sehr die kirchliche Umwelt des Chronisten tatsächlich in Unordnung geraten war, bleibt fraglich, auch weil unsere Kenntnis über die spanische Kirche des fünften Jahrhunderts genauso lückenhaft ist wie die über andere Aspekte der spanischen Geschichte. Die Erklärung vieler Berichtdetails bei Hydatius muss daher spekulativ bleiben.99 Dass in der Chronik bspw. kein Bischof der gallaecischen Provinzhauptstadt Braga Erwähnung findet, obwohl dieser nach der gemeinhin üblichen Metropolitanverfassung der ranghöchste Bischof in der Gallaecia gewesen sein müsste, kann zum Teil an einer noch gar nicht durchgreifenden Organisation der spanischen Kirchenprovinzen nach ziviladministrativen Gesichtspunkten liegen, auf die Panzram, Hilferufe passim hingewiesen hat. Denkbar wäre aber auch, dass Hydatius seinen Vorgesetzten mit Absicht verschweigt, in c. 130 missachtet er zusammen mit Thoribius zumindest den üblichen kirchlichen Instanzenzug, als er sich in der Sache einiger in Astorga aufgespürter Manichäer an den Bischof von Mérida wendet, also den Metropoliten der Lusitania, nicht aber an seinen eigenen Metropoliten. Als Grund wäre in erster Linie an dogmatische Differenzen zu denken, der Bischof von Braga wäre dann ein Priscillianer. 100 Diese Lösung führt aber gleich zur nächsten Unsicherheit: Braga war der Hauptort der suevischen Besiedlung in der Gallaecia. Wenn nun der Bischof dieser Stadt Priscillianer war, ließe sich vermuten, dass eine entsprechende Besetzung des Sitzes auch im Interesse der Sueven lag. Diese Vermutung ist aber ebenso wenig zu belegen wie eine häufig a priori angenommene Kooperation der Sueven mit den romanischen Priscillianern.101 Der ohnehin schon unklare Befund wird dann noch zusätzlich verkompliziert durch die Feststellung, dass die theologische Position, die Hydatius Priscillianismus nennt, in Gallaecia in Wirklichkeit eher eine ‚Semi-Priscillianismus‘ zu nennende konziliante Ausrichtung gegenüber der theologischen Streitfrage S. 42 war, zu der Hydatius aus der Position eines rigoristischen Hardliners heraus in Gegensatz geriet, vgl. hierzu Komm. c. 102.

All diese Unsicherheiten in der Bewertung der Einzelinformationen für die Rekonstruktion von Grundlinien der spanischen Kirchengeschichte ändern freilich nichts daran, dass der Befund hinsichtlich der persönlichen Wahrnehmung von Häresien durch Hydatius recht eindeutig ist: Für ihn sind Häretiker das kirchliche Äquivalent zu den Bagauden und den Barbaren im Reich. Die Irrlehre zerstört die Einheit der Kirche und bedroht damit den rechten Glauben. Dass Häresien in der Chronik genauso wie die suevischen Vertragsbrüche als perfidiae (c. 89) bezeichnet werden, macht deutlich, dass die kirchliche Entwicklung in der Sicht des Chronisten vor den gleichen Problemen stand wie die von ihm beschriebene politische Entwicklung – was wiederum kein Wunder ist, wenn man, wie er, die Stabilität beider Ebenen aufeinander bezieht.102 In diesem Sinne ist es dann keineswegs nebensächlich, dass der zunehmende Verlust der kirchlichen Ordnung nicht allein von konkreten Bedrohungen vor Ort geprägt war, sondern auch vom sukzessiven Verlust des Kontakts zur reichsweiten Kirche. Während die Wendung der bischöflichen Gruppe um Hydatius gegen Manichäer und Priscillianer in den 440er Jahren (c. 130. 133. 135. 138) noch in engem Kontakt mit Rom erfolgte, bricht dieser Kontakt in der Folge um 450 plötzlich ab. Auch der sonstige Austausch mit außerspanischen Amtskollegen versiegt, ein Umstand, der in Hydatiusʼ universaler Orientierung fast notwendig zu neuen Bedrohungen führen muss, gewissermaßen – um eine weitere Parallele zur politischen Geschichte zu ziehen – zu einer ‚Regionalisierung‘ des Bekenntnisses. Der Hinweis auf die beginnende arianische Missionierung der Sueven (c. 232) spräche hierfür. Dass Hydatius dieser Probleme ungeachtet seine Papstliste einfach fortführt, zeigt schließlich, dass er mit Blick auf die Kirche nicht bereit war, die neue Situation in seiner Heimat zu akzeptieren: Der Bischof von Aquae Flaviae blieb bis zuletzt der Reichskirche verbunden, auch wenn er den Kontakt zu dieser weitgehend verloren hatte.

4. Das nahende Ende der Welt

Ein auffälliges Charakteristikum der Chronik sind die zahlreich in den Bericht aufgenommenen Prodigien, die gegen die vorsichtigen Einwände von Courtois, Auteurs 40–2 ohne Zweifel allesamt bereits dem ursprünglichen S. 43 Text der Chronik zugeordnet werden müssen: Zu deutlich sind Vorzeichen an mehreren Stellen untrennbarer Teil der eigentlichen Berichtinhalte (bspw. c. 48. 57. 174), zu deutlich expliziert Hydatius apokalyptische Deutungsmuster bspw. im Rahmen seiner Beschreibung der barbarischen Spanieninvasion (c. 48). Solche Deutungen begegnen dabei so häufig, dass Kitchen, Apocalyptic Perceptions 649–52 sogar meint, weite Teile der Chronik seien entlang des biblischen Daniel-Buches gestaltet, auch abseits der Stellen, an denen Hydatius dezidiert darauf hinweist. Zwar überzeugt die Begründung hierfür nicht völlig,103 es ist aber nichtsdestoweniger klar, dass kosmische Ereignisse, übernatürliche Begebenheiten und erfüllte biblische Prophezeiungen bereits auf Hydatius zurückgehen. Entsprechende Berichte waren ja nichts weniger als ein klassisches literarisches Erbe104 und finden sich darüber hinaus auch bei vielen anderen Zeitgenossen des ausgehenden fünften Jahrhunderts. Hydatius war nicht der einzige, der sich angesichts traumatischer historischer Erfahrungen in einer Endzeit lebend verstand.105 Dieses Verständnis spiegelt sich in den von ihm berichteten Kuriositäten, Naturereignissen und Bibelanalogien gleich doppelt: Die Prodigien in der Chronik mussten zum einen die Endzeiterwartung des Chronisten bestärken, zum anderen führten sie zu einer immer weiter wachsenden Sensibilität für entsprechende Zeichen.

Während die grundlegende apokalyptische Perspektive des Chronisten also unzweifelhaft ist, ist der Chronik gleichzeitig nicht eindeutig zu entnehmen, wie konkret diese Endzeiterwartung war. Einerseits lässt die die Chronik beschließende Episode des Fangs eines mit magischen Zeichen versehenen Fisches (c. 253), bei aller Unklarheit der Interpretation im Detail, kaum einen anderen Schluss zu, als dass Hydatius vom unmittelbar bevorstehenden Ende ausging. Auch die Häufung von Prodigien contra naturam gegen Ende des Berichts deutet in diese Richtung.106 Burgess geht noch einen Schritt weiter und unterstellt Hydatius auf Grundlage der ihm angeblich bekannten Relevatio Thomae sogar die Erwartung des letzten Tages genau am 27. Mai 482. In einer solchen Perspektive würde die Chronik Zeugnis von den letzten Jahren der Gallaecia geben, in denen die Barbaren als Agenten des Antichrist wirkten und sich die Zeichen der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes erfüllten.107 Andererseits lässt sich eine solche Sicht nur schwer damit in Deckung bringen, dass Hydatius in praef. 2,9 von einer zu erwartenden Fortsetzung der Chronik durch seine Nachfolger spricht. Zur Stützung seiner These gegen diese Kritik108 hat Burgess mit dem Hinweis reagiert, dass Hydatius zur Bezeichnung der avisierten Fortsetzung den Begriff consummanda verwende statt subdenda, womit er seine eigene Hieronymus-Fortsetzung bezeichnet, weshalb sein Aufruf zur Fortsetzung die ‚Vollendung‘ des Werkes im engeren Sinne des Wortes impliziere.109 Dem Einwand, dass der Chronist angesichts des schon für 482 zu erwartenden Weltenendes mit einer eher begrenzten Leserschaft zu rechnen hätte, lässt sich entgegnen, dass die Abfassung der Chronik wohl eher der Kontemplation des Autors gedient hätte.

Die Frage aber, ob der Chronist das Ende der Welt fest in seinen Kalender eingetragen hatte – eindeutige Belege fehlen –, ändert nichts an der S. 45 grundlegenden Feststellung, dass die Chronik ein eindrückliches Zeugnis für den historiographischen Umgang mit der Erwartung eines baldigen Weltenendes bietet.110 Dass Hydatius dabei als Zeugen für Prodigien nicht selten Briefe anderer Bischöfe (c. 73 u. 151) oder Berichte anderer Gewährsmänner anführt (c. 242), zeigt, dass er hierin keine Ausnahme unter seinen Zeitgenossen bildet. Die Beschäftigung mit der Chronik, mit ihren profanen wie kirchlichen Berichtteilen, hat also immer auch in Betracht zu ziehen, inwiefern die jeweilige Perspektive des Hydatius von seiner Gewissheit geprägt war, dass das Ende der Welt angebrochen war, bzw. zu fragen, inwiefern seine Beobachtungen überhaupt erst zu dieser Gewissheit geführt hatten.

5. Zusammenfassung: Chronist und verlorene Ordnung

Die inhaltliche Analyse der Chronik erweist Hydatius als Chronist einer verloren gegangenen Ordnung. Aus der Position eines Mitglieds der sozialen urbanen Elite der Gallaecia heraus erkennt er im Römischen Reich den Garanten einer überkommenen und zu bewahrenden soziopolitischen und kulturell-religiösen Ordnung, in der er selbst sozialisiert worden war. Diese Ordnung ist für Hydatius per se ‚römisch‘. Die Tragik seines Lebens lag darin, dass er unmittelbarer Zeuge des Verlustes dieser von ihm so geschätzten Ordnung wurde: Seine Heimat wurde aus dem Reichsverband gelöst und zersplitterte politisch zusehends; ohne den politischen Rahmen des Reichs aber erodierte auch die vorgeblich römische Lebensart, geriet unter den Druck sowohl sozialer Verwerfungen und militärischer Konflikte als auch kirchlicher Irrlehren. Um es in den Worten von Muhlberger, Chroniclers 244 zusammenzufassen: „Hydatius’s feeling that religious and political order was a Roman product, once imposed on Gallaecia and now sadly gone, is a key feature of his historical vision.“

Angestoßen wurde der Ordnungsverlust aus Sicht des Chronisten vom Eindringen barbarischer Völker in Spanien, welche nicht mehr als Agenten einer römischen Ordnung wirkten – wie es die westgotischen Foederaten in der Chronik teils noch tun –, sondern allzu oft auf eigene Rechnung agierten. 111 Die römischen Eliten im immer ferneren Italien kümmerten sich nur noch halbherzig um die Wahrung der Reichseinheit, sei es, weil sie schlicht S. 46 nicht mehr vermochten, die angestoßenen Prozesse noch aufzuhalten, sei es, weil sie dies nicht mehr um jeden Preis wollten. In dieser Situation des bedrohten Römertums in der Provinz propagierte Hydatius umso nachdrücklicher die fortdauernde ideologische Bindung an die Idee eines unteilbaren Reichs. Faktisch war der Bischof jedoch zusehends mit dem Gegenteil davon konfrontiert, faktisch war das Reich, war die römische Verwaltung, die römische Armee, die römische Kirche, mithin die römische Auctoritas per se unwiederbringlich aus der Gallaecia und aus Spanien verschwunden. Nicht zuletzt an seinem immer schlechter werdenden Informationsstand musste Hydatius das spüren.

An die Stelle Roms war aber keineswegs ein großes Nichts getreten, sondern andere, neue politische, religiöse und soziale Konstellationen. Mit diesen neuen Konstellationen wollte sich der alternde Hydatius aber nicht mehr arrangieren, obwohl viele seiner Landsmänner mögliche Wege dazu wiesen. Der Chronist verharrte stattdessen in einer idealisierten Vergangenheit. Die Chronik des Hydatius bietet damit ein Beispiel für einen verfehlten Konservatismus, der eine zum Selbstzweck geronnene Nostalgie kultiviert und sich lieber in die Vorstellung des nahenden Weltuntergangs ergibt als in die Akzeptanz notwendiger Veränderungen altbekannter Lebensumstände. Vielleicht hatte er bis in die Herrschaft des katholischen Rechiar hinein sogar noch auf eine nur begrenzte Veränderung gehofft, auf eine Anpassung der neuen Verhältnisse unter weithin römischen Vorzeichen. Nach der Zerschlagung dieser Hoffnung und spätestens am Ende seines Lebens ist von diesem möglicherweise positiven Ansatz aber nichts mehr zu spüren.112 Und da Hydatius sich die Zukunft nur als römische Zukunft vorzustellen vermochte, verlor er letztlich jegliche Zukunftsperspektive, und damit in gewissem Sinne auch den Zugang zur Geschichte an sich. Die Chronik mutiert zur weithin zusammenhanglosen Ansammlung von Beispielen für das Ende römischer Lebensart, zur Buchhaltung des politischen Niedergangs, zum Lamento über die Bedrohung des Glaubens – zusammengehalten durch den Fluchtpunkt des Ordnungsverlustes, unterbrochen hier und da von schreckenerregenden Prodigien, die den schlimmen Zustand der Welt unterstreichen und die Zukunftslosigkeit der von Hydatius berichteten Geschichte verbürgen.

Gerade diese spezifische historische Perspektivlosigkeit muss davor warnen, Hydatius als typischen Vertreter seiner Zeit anzusehen. Zweifellos ist S. 47 seine Chronik ein historisches Dokument ersten Ranges, sie bietet aber doch eine sehr eigene und sehr subjektive Deutung des Geschehens. Die meisten Komprovinzialen des Chronisten jedenfalls wollten sich ihre Zukunft offenbar nicht nehmen lassen und arrangierten sich recht bereitwillig mit der neuen Situation; die iberische Halbinsel endete eben, gegen die Erwartung des Hydatius, auch ohne römischen Bezugsrahmen nicht. Es ist eine der Leistungen der Chronik – wenn auch sicherlich ungewollt –, auf diejenigen romanischen Spanier hingewiesen zu haben, die im Verbund mit den suevischen und gotischen Neuankömmlingen der Halbinsel den Weg ins Mittelalter wiesen.113 Wir hingegen, als moderne Betrachter ex post, sind in der komfortablen Situation, die negativen Wertungen und düsteren Aussichten des bischöflichen Chronisten nicht teilen zu müssen – und wir sind gut beraten, es nicht zu tun. Denn ohne die negativen Konnotationen des Beschriebenen wird Hydatius für uns zum wertvollen Zeugen für Veränderungen an der Grenze von Antike zu Mittelalter, die keineswegs so verheerend waren, wie es der Chronist gerne – oder eben: nicht gerne – gehabt hätte. [J. K.]

IV. Zur Überlieferung der Chronik

1. Die verschiedenen Versionen von Hydatius' Chronik

Neben einer ziemlich vollständigen Handschrift von guter Qualität (B) besitzen wir für große Teile von Hydatius’ Werk auch andere Testimonien, die Auszüge bzw. Paraphrasen aus seiner Chronik überliefern. Die Etappen der Überlieferung des Werks haben Mommsen und auf vollständige und überzeugende Weise Burgess nachgezeichnet.114 Daher genügt an dieser Stelle ein kurzer Überblick.

Schon sehr früh ist das Apograph des Hydatius, den wohl der Verfasser der Gallischen Chronik von 511 verwendet hat, beschädigt worden; von diesem stammt der allen anderen Versionen gemeinsame Archetyp β ab; auf β gehen wiederum beide Subarchetypen der spanischen (γ) und der gallischen Tradition (δ) zurück. Burgess meint, dass vulgäre spanische Formen wie Octuber115 in der Handschrift B und in den ebenfalls mitüberlieferten Consularia Constantinopolitana ein Indiz dafür seien, dass der Archetyp β, den B S. 48 wahrscheinlich ziemlich getreu wiedergibt und der neben Eusebius-Hieronymus und Hydatius auch die Consularia Constantinopolitana enthalten habe, in Spanien angefertigt worden sei. Ein Teil der Tradition verblieb in Spanien (γ); von dieser schöpften Isidor von Sevilla und auch die wohl Ende des 6. Jh.s entstandene spanische Epitome (H), deren mittelalterliche Handschriften (der Alcobaciensis und der Osmensis) zwar verschollen sind, die aber in neuzeitlichen Abschriften (Hb, Ht, Hn und Hm) erhalten ist. Bedeutender ist der zweite Strang (δ), von dem die besten Handschriften abstammen. Hauptvertreter ist ein im 9. Jh. entstandener Veroneser Codex (B). Vom gleichen Subarchetyp stammen auch die von Fredegar in seiner Kompilation verwendete Handschrift (F) und die für das Chronicon Luxovienese verwendeten Excerpta Montepessulana (M) ab; gemäß Burgess ist C eine direkte Abschrift von B aus dem 17. Jh.; ebenso stammen die von den Chronisten Sigebert (S) und Theodor (T) exzerpierten Exemplare von B ab.

2. Die Handschriften

B = Die einzige, ziemlich vollständige Version der Chronik bietet der Codex Phillipps 1829 der Staatsbibliothek zu Berlin (von Mommsen und Burgess mit der Sigle B versehen).116 Diese in großer Minuskel angefertigte Handschrift wurde wohl im ersten Drittel des 9. Jh.s nach der bisherigen communis opinio im Kloster St. Maximinus in Trier, nach Bischoff hingegen in Verona, verfasst, wobei mehrere Hände daran beteiligt waren.117 Während der erste neuzeitliche Herausgeber Luis San Llorente diesen Codex, der sich zu Beginn des 17. Jh.s in der Bibliothek des Jesuitenkollegs von Clermont bei Paris (katalogisiert als Claromontanus 636) befand, verwendete und als Parisinus bezeichnete, fügte Jacques Sirmond, ein weiterer moderner Herausgeber des Werks, an, dass der Codex aus Metz stammte.118 1764 kam S. 49

Stemma119

S. 50 er in Besitz von Gerard Meerman (katalogisiert als Meermanianus n. 715) und galt dann lange Zeit als verschollen. 100 Jahre später entdeckte ihn Alfred Schöne zufällig in der Bibliothek von Sir Thomas Phillipps in Cheltenham. Aus dessen Nachlass wurde die Handschrift 1887 auf Betreiben Theodor Mommsens von der Königlichen Bibliothek in Berlin erworben.

Der Pergamentcodex umfasst 192 Blätter von 28,7×26,2 cm zu je 26 Zeilen, 120 die vor der Neubindung größer waren.121 Auf Hieronymusʼ Chronici Canones (fol. 1v–153r)122 folgt Hydatius (fol. 153r–172v). Unmittelbar daran schließen die Consularia Constantinopolitana (173v–184r) und der Liber generationis (184v–192v) an. Ursprünglich folgte darauf wohl noch der laterculus des Theophilus. Die Tatsache, dass Hydatius in B in etwa dasselbe äußere Format wie die Chronici canones von Eusebius und Hieronymus weiterführt, erlaubt die Vermutung, dass B die Originalfassung des Hydatius ziemlich getreu widerspiegelt.

An den Rändern werden – in der gesamten Chronik ab Abraham – Herrschaftsjahre, Olympiaden, aber auch Jobeljahre, Abrahamjahre, Jahre der spanischen Ära sowie Pontifikatsjahre in roter Tinte vermerkt; ebenso werden die Kapitel, in denen die Herrschaft eines Kaisers beginnt, rubriziert.

Der Codex weist beträchtliche Lücken und Schäden auf, die, wie Burgess123 berechnet hat, etwa 11% des Textes betreffen. Diese kommen vor allem am Anfang nach der praefatio, aber auch im weiteren Verlauf und gegen Ende des Werks (c. 3. 6. 8 f. 11. 19–24. 27–30. 35–7. 76. 79. 87 f. 90. 110. 217a. 242) vor, wobei sich, wie der handschriftliche Befund zeigt, die größten Lücken vor c. 37 auf sechs Seiten (fol. 155v–158r) und zwischen c. 76– 88 auf zwei Seiten (fol. 160v–161r) konzentrieren. Daher stehen besonders am Anfang zwischen den Kapiteln viele leere Zeilen, was darauf schließen lässt, dass einerseits der Archetyp lückenhaft war und dass andererseits der Kopist von B sich dieser Lücken bewusst war.

Im Text kommen auch Zusätze und Korrekturen von der Hand des karolingischen Schreibers und wahrscheinlich zusätzlich von einer zweiten Hand vor, die bereits im Teil von Hieronymus’ Chronik sichtbar sind und S. 51 die vor allem die jeweils am linken Rand vermerkten Herrschaftsjahre und Olympiaden, die schon ab der dreißigsten Olympiade korrigiert werden, betreffen. 124 Da es im Einzelnen kaum mehr möglich ist, die verschiedenen Hände voneinander zu unterscheiden, beschränken wir uns im Gegensatz zu Mommsen und Burgess auf die Unterscheidung zwischen einer ursprünglichen (Ba.c.) und einer (auch mehrmals) korrigierten Lesart (Bp.c.). Die meisten Korrekturen betreffen die Interpunktion, die Rechtschreibung125 und die Grammatik (etwa c. 5 habetur statt habentur; c. 104 exsul et statt exsule; c. 109 praesidere statt praesedere; c. 186 et demolitis statt eddemolitis; c. 200 pertendente statt pertendentem), aber auch den Inhalt (c. 5 praeditus statt praedictus; c. 48 quosque statt quoque; c. 60 succedens statt succendens; c. 106 urbis statt ubi). Aus diesem Grund folgert Burgess wohl zu recht, dass all diese Verbesserungen und Konjekturen nicht die Frucht des Vergleichs mit einem anderen Codex sind; sie seien vielmehr „based on their own readings of the text. These emendations therefore are of no more value than those of a modern editor.“126

Auch in Bezug auf die Gestaltung gleicht die Fortsetzung der Chronik des Hydatius exakt der Chronik des Hieronymus: So erscheinen wie beim großen Vorbild die Herrschaftsjahre und Olympiaden regelmäßig am linken Rand. Ebenfalls sind am rechten Rand das Jobeljahr nach Christi Himmelfahrt von der ersten Hand in c. 7 und wohl von einer zweiten Hand in zehnjähriger Frequenz Abrahamjahre ab dem Jahr 2400 in c. 9. 24. 36. 57. 80. 104. 129. 149. 157. 212 eingefügt worden, zudem kommen die Bischöfe von Rom neben dem Fließtext (c. 15. 35. 52. 87. 135. 221) vor. Ebenfalls werden die Jahre der spanischen Ära127 CCCCXX (c. 7) und CCCCXXX (c. 22) verzeichnet. Durch Rubrizierung und Ekthesis wird wie bereits im Teil der Chronik S. 52 von Eusebius-Hieronymus der Herrschaftsbeginn eines Kaisers markiert; da aber im Gegensatz etwa zur Gallischen Chronik von 452 mit dem Titel meistens bereits ein Kapitel Ereignisgeschichte verbunden ist, erscheint durchweg das ganze Kapitel in dieser Form (etwa c. 1. 82. 165).

C = Eine Kopie von B aus dem 17. Jh. befindet sich in der Bibliothèque Inguimbertine des provenzalischen Städtchens Carpentras und hat die Katalognummer MS 1792. Es ist ein um 1620/30 entstandener Sammelcodex. Wahrscheinlich erfolgte die Abschrift von Hydatius’ Chronik vor der ersten neuzeitlichen Edition durch San Llorente 1615, der wohl auch C benutzt hat (wie C hat er das in B fehlende c. 62a).128 Der Version des Hydatius auf den fol. 137r–151r fehlen die Einleitung und der in B zur Markierung der Lücken freigelassene Raum, dafür hat C aber marginale Hinweise auf Isidor; nach drei weißen Seiten folgen nochmals bis fol. 159v die c. 1–170, die aber von zwei verschiedenen Händen stammen. Im Gegensatz zu B wurde C nicht kollationiert. Die Angaben zu diesem Codex stammen aus der Edition von Burgess. Wenn Burgess zu einer Lesart von C keine gesonderte Angabe im app. crit. gemacht hat und somit nur ein Schluss e silentio möglich ist, wird in der vorliegenden Edition nach der Hs.-Sigle in Klammern teste Burgess, ut vid. hinzugefügt.

Alle übrigen Handschriften sind keine direkten Zeugen, sondern Epitomai bzw. Paraphrasen, die ihre Vorlage mehr oder weniger getreu wiedergeben. Sie sind daher, wie Burgess mit Recht bemerkt, „not so much ‚manuscripts‘ of the original text, as ‚versions‘ or ‚witnesses‘ to it.“129

F = Vom gleichen Subarchetyp δ wie B stammt auch F. Eine Abschrift dieses Subarchetyps lag im 8. Jh. dem (oder vielmehr den) in Gallien unter dem Namen Fredegarius überlieferten Kompilator(en und Verfassern) vor, die aus verschiedenen Quellen eine Geschichte der Franken verfasst haben. Nach B enthält die F-Epitome am meisten Text aus Hydatius. Sie geht auf das Jahr 613 zurück.130 Von dieser Chronik existieren viele Kopien aus dem 8.–11. Jh. Mommsen nahm den Codex Parisinus Latinus 10910 aus dem Jahr S. 53 715 als Grundlage. Wie auch Krusch hielt er diesen für den Archetypus.131 Diese Handschrift ist, wie Burgess richtig bemerkt hat, „a sloppy piece if copying, done by an unintelligent scribe who had difficulty reading his exemplar, and as a result is rather garbled.“132 Zusätzlich zu diesem hat Burgess daher auch den Codex British Library Harley 6251 (spätes 9. Jh.) hinzugezogen und als F2 bezeichnet. Gegenüber F weist dieser Codex nur selten für die Textkonstitution interessante Varianten auf (etwa competeret in praef. 1). Der Auszug aus Hydatius befindet sich in F auf den folia 60r–68v, wobei die lange Interpolation 63v–65r anlässlich der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern, die Fredegar auf Grundlage einer oder mehrerer anderer Quellen – Krusch verweist auf Greg. Tur. Franc. 2,7 – verfasst hat, nicht aus Hydatius stammen kann. In der Edition von Krusch ist der aus Hydatius stammende Teil S. 69,19–77,22 abgedruckt. Viele die Orthographie und die Grammatik betreffende Fehler hat ein späterer Korrektor (Fp.c.) behoben; dennoch bleiben zahlreiche Fehler, die nur dort dokumentiert werden, wo sie auf eine von B abweichende Vorlage schließen lassen. Neben der langen Interpolation über die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern (c. 150) weist der von F überlieferte Text auch andere Zusätze auf (etwa c. 244 die Deutung eines Zeichens in Toulouse als signeficans Gothorum dominatione sublata[m] Francorum adveniente regno), die nicht aus Hydatius stammen und die deshalb bei der constitutio textus keine Berücksichtigung finden.133 Oft scheint F nicht wörtliche Zitate von Hydatius’ Originaltext, sondern freie Paraphrasen zu überliefern, die möglicherweise durch andere Quellen kontaminiert worden sind. So unterscheidet sich etwa in c. 118 die Version in F deutlich von derjenigen in B.

B: F:
Gaisericus rex elatus impie episcopum clerumque Carthaginis depellit ex ea et iuxta prophetiam Danielis demutatis ministeriis sanctorum ecclesias catholicas tradit Arrianis. Gaisiricus rex Suaevorum multas in sacerdotibus fecit stragis.

S. 54

Während B die Entfernung des Bischofs und der Priester aus Karthago durch Geiserich zugunsten der Arianer berichtet, spricht F ohne Ortsangabe allgemein davon, dass Geiserich, der König der Sueven (!), Priester töten ließ. Da Hydatius den Vandalen Geiserich kaum für einen Sueven gehalten hat, kann man davon ausgehen, dass F eine sekundär überarbeitete und vielleicht durch Vergleich mit einer anderen Quelle kontaminierte Version liefert, während B wohl den ursprünglichen Text des Hydatius enthält.

Der von F überlieferte Text wurde zuerst von Heinrich Canisius 1602, von Andreas Schott 1603 und von Joseph Scaliger 1606 in ihren Editionen der Chronik Fredegars herausgegeben.

M = Aus dem 11. Jh. stammt die heute in Montpellier in der Bibliothèque interuniversitaire als Excerpta Montepessulana bekannte Chronik (H 151). Diese schildert die Ereignisse bis zum Tod Konrads II. im Jahr 1039. Für die von Hydatius abgedeckte Zeit war wohl eine von δ abstammende Version die Vorlage, die weniger korrupt als B war. Der Autor von M hat aber viele Zusätze gemacht, vor allem hinsichtlich der Datierungen (so kommen auch Passionsjahre, Inkarnationsjahre, Jahre seit der Schöpfung und der Gründung Roms etc. vor). Auch wenn M viel weniger Text als F beisteuert, kann diese Handschrift einige Stellen erhellen, besonders die Kapitel über die Heiligen Martinus (c. 37a) und Hieronymus (c. 58).134

H = Eine weitere Familie, die nur in neuzeitlichen Kopien erhalten ist, geht auf eine nicht mehr erhaltene spanische Epitome des 6. Jh.s zurück, die im Gegensatz zu F einzelne Kapitel, die mit c. 37 beginnen und mit c. 235 enden, in ziemlich vollständiger Form überliefert. Wie Burgess mit Recht bemerkt, „even though it suffers from rewriting, condensation, and some interpolation, H still provides a valuable check upon the text of B and preserves four entries and four Spanish aeras which are not found on B.“ 135 Einige Bindefehler zu B weisen auf den verlorenen gemeinsamen Archetypus β hin. 136 Zusätzlich zum Hydatius-Material enthält diese Familie eine Fortführung der Chronik (als KFHist G 10 Teil des vorliegenden Bandes), die bis zu Belisar und dem Langobardeneinfall Mitte des 6. Jh.s reicht.

S. 55

H zerfällt in zwei Stränge, die von heute verlorenen Codices abstammen. Die verschollene Handschrift aus dem Kloster Alcobaça (Alcobaciensis) enthielt nach dem Zeugnis des Iohannes Vasaeus, der sie neben anderen Chroniken als Quelle für seine 1552 in Salamanca publizierten Chronici rerum memorabilium Hispaniae verwendete (fol. 9r), dieselben Werke wie ihre Kopie Hm. Dass Vasaeus diesen Codex eingesehen und jeweils korrekt zitiert hat, steht außer Zweifel, wie in der Ausgabe der Gallischen Chronik von 511 gezeigt worden ist.137 Für Hydatius spielen die wenigen Zitate bei Vasaeus jedoch nur eine untergeordnete Rolle, weshalb auf dieses indirekte Testimonium bei der constitutio textus verzichtet werden kann.138

Hm = Der Madrider Complutensis 134 ist eine Abschrift des verlorenen Alcobaciensis aus dem späten 13. Jh.139 Hydatius folgt unmittelbar auf die Gallische Chronik von 511 (fol. 40r–41v). Flórez hat in seinem Werk España sagrada IV 420–7 den Codex zum ersten Mal herausgegeben. Die Chronik ist im Manuskript als fortlaufender Fließtext jeweils in zwei Kolumnen geschrieben, wobei im Gegensatz zur Version in B sowohl Herrschaftsjahre als auch Olympiaden fehlen. Die Rubrizierung des ersten Buchstabens im Namen neuer Kaiser beim Regierungsantritt, durch den der Herrscherwechsel hätte markiert werden sollen, oder anderer wichtiger Begriffe endet im Codex bereits in der Gallischen Chronik von 511 (fol. 33r), weshalb jeweils eine Lücke vor dem zweiten Buchstaben des rubrizierten Wortes steht.

Hn= Der zweite Strang wird von einem ebenfalls verlorenen Codex, dem Osmensis (O), gebildet: Von diesem stammen drei Codices (Hb, Hn, Ht) ab, die neuzeitliche Apographen sind. Hn und Ht sind Abschriften aus dem 16. Jh.: Hn befindet sich in Madrid (Biblioteca Nacional 1376, olim F 38), Ht in Toledo (Archivo y Biblioteca Capitulares 27–26). Hb wird in der British Library in London unter dem Namen Egerton 1873 aufbewahrt.140 Da die drei Handschriften kaum voneinander abweichen, genügt als Testimonium für den Osmensis Hn. Insgesamt weisen Hm und Hn nur wenige und kaum nennenswerte Trennfehler (vornehmlich orthographische Varianten und Auslassungen einzelner Wörter) auf; daher kann man in den meisten Fällen die Vorlage von H mühelos rekonstruieren.

S. 56

Weitere Werke haben Hydatius als Quelle verwendet, so z. B. die Gallische Chronik von 511, die nach Burgess’ Vermutung eine verstümmelte Version des Hydatius vorliegen hatte. Gegenüber den Hauptzeugen BFH liefert diese Chronik nur an wenigen Stellen für die Herstellung des Texts interessante Varianten (so in c. 86).141 Dasselbe gilt auch für Isidors Historia (de regibus) Gothorum, Vandalorum, Suevorum, die einige Einträge aus Hydatius zitiert, aber für die Textkonstitution nur in wenigen Fällen von Interesse ist (z. B. c. 48. 142. 215), da Isidor Hydatius in vielen Fällen paraphrasiert und nicht wörtlich zitiert. Er hat viele Bindefehler mit H gegenüber B und stammt daher wohl ebenfalls vom spanischen Subarchetypus γ ab.142

Dagegen hat Sigeberts Chronik (S) den Text des Hydatius wohl aus einem interpolierten Subarchetyp geschöpft, der, wie die Bindefehler zeigen (etwa c. 89 manus in aecclesia statt in ecclesiam), von B abstammt, 143 während Theodorus, der Hydatius für seine Annales Palidenses (T) öfter zitiert, wohl direkt B als Quelle eingesehen hat (in den c. 242–44 hat auch er denselben lückenhaften Text wie B). Beide vermischen Hydatius mit anderen Chroniken wie Prosper (in Bezug auf Priscillian werden etwa c. 13 und 16 bei Hydatius mit c. 1171 und 1187 bei Prosper vermengt), wobei aber Theodor Hydatius öfter als Sigebert verwendet hat. Daher spielen sie für die Textkonstitution ebenfalls keine Rolle.144

Ein instruktives Beispiel zum Verständnis der unterschiedlichen Modalitäten der Versionen liefert das von B sowie von H und F überlieferte c. 90.

B: H: F:
V. Gaisericus rex de Baeticae provinciae litore cum Vandalis omnibus eorumque familiis mense Maio ad Mauritaniam et Africam relictis transit Hispaniis. qui priusquam pertransiret, admonitus Hermigarium Suevum vicinas in transitu suo provincias depraedari, recursu cum aliquantis suis facto, praedantem in Lusitania consequitur. qui haud Gaysaricus, rex Vandalorum, de Baeticae provinciae litore cum Vandalis omnibus eorumque familiis mense Maio ad Mauritaniam et Africam relictis transiit Hispaniis. qui priusquam pertransiret, admonitus Ermigarium Suevorum regem vicinas in transitu suo provincias depraedari, recursu cum aliquantis suis facto, praedante Lusitaniam ultio consequitur divina. An. V reg. Theudosii Gaisiricus rex Vuandalorum cum Vandalis cunctaque eorum familia Mauritania in Africam transit. interfecto Ermengario rege Suaevorum
procul de Emerita, quam cum sanctae martyris Eulaliae iniuria spreverat maledictis, per Gaisericum caesis ex his, quos secum habebat, arrepto ut putavit Euro velocius fugae subsidio in flumine Ana divino brachio praecipitatus interiit. quo ita exstincto mox, quo coeperat Gaisericus enavigavit qui autem (aut Hn) procul de Hemerita, cum sanctae martiri Eulaliae iniurias prebuisset maledictis per Gaysaricum caesis, cum iis quos secum habebat, arrepto ut putavit Euro velocius fugae subsidio in flumine (fluvio Hn) Ana divino brachio praecipitatus interiit. quo ita exstincto mox, quo coeperat Gaysaricus enavigat. iniuria sanctae Eulaliae in eodem ac si nollens ulciscetur.
consederunt Vandali in Baetaca ann. LIIII
S. 57

Im Großen und Ganzen sind sich die beiden Versionen von B und H sehr ähnlich und unterscheiden sich über weite Strecken nur hinsichtlich des Tempus der Verben; dagegen enthält F lediglich eine Paraphrase. Nur in der Mitte weicht H durch die Variante praedante Lusitaniam ultio divina consequitur ab, die grammatikalisch nicht korrekt ist, aber die mit F insofern übereinstimmt, als ultio von der gleichen Wurzel wie ulciscetur gebildet wird; ebenso hat H statt Emerita, quam von B Hemerita, cum …iniurias praebuisset. Den Zusatz von F, consederunt Vandali in Baetica annos LIIII, hält Burgess für eine bizarre Interpolation: „Hydatius could never have written something so manifestly untrue.“145 Natürlich ist die Zahl 54 (LIIII) unbrauchbar, doch durch eine Korrektur von L zu V erhält man die Zahl 9 (VIIII), die gut in den Kontext passt und die – im Gegensatz zu Interpolationen in F, die Gallien betreffen (etwa in c. 150 u. 244), – kaum aus einer anderen Quelle als Hydatius stammen kann.

3. Die neuzeitlichen Drucke und modernen Editionen

Hydatius war in der Neuzeit zunächst lediglich aus den Editionen von Fredegars Chronik, die in etwa F wiedergeben, bekannt. Die editio princeps S. 58 hat dann Luis de San Llorente auf der Grundlage der Handschrift B, wie er in der Einleitung anmerkt (ex vetustissimo manuscripto codice Parisiensi)146, 1615 in Rom publiziert. Eine zweite, verbesserte Edition auf der Grundlage von B publizierte Jacques Sirmond, der einige in B fehlende Päpste hinzufügte, 1619 in Paris. Alle übrigen Editionen bis Mommsen fußen auf diesen beiden Editionen. Flórez hat als erster die von H repräsentierte spanische Epitome herausgegeben.147

Theodor Mommsen hat 1894 in Chron. min. 2:1–36 die erste wissenschaftliche Edition vorgelegt. Während die neuzeitlichen Drucke ab San Llorente nur die von B überlieferte Version berücksichtigt und durch gelehrte Konjekturen verbessert haben, hat Mommsen bei seiner constitutio textus neben B auch F, M und H (durch die beiden Zeugen Hm und Hn repräsentiert) sowie marginal die Gallische Chronik von 511, Isidor sowie Sigebert und Theodor berücksichtigt. Seine Ausgabe zeichnet sich durch einen der Komplexität des Textes angemessenen und verständlichen kritischen Apparat aus. Seine Korrekturen bzw. Konjekturen sind in der Regel einleuchtend. Mommsen verzeichnet wie B regelmäßig die Herrschaftsjahre und Olympiaden, verzichtet aber darauf, die (in B nicht durchgehend) als weitere Angaben am Rande verzeichneten Abrahamjahre und Jahre der spanischen Ära anzugeben. Da die verschiedenen Textzeugen nicht immer einen kohärenten Text ergeben, hat Mommsen bisweilen die verschiedenen Handschriften B, F, M und H als gleichwertige Zeugen nebeneinander in zwei bzw. drei Spalten abgedruckt (so c. 19a. 37a. 69. 90. 108a. 118. 150. 170. 173–5. 190. 197. 208. 214. 244. 251), ohne eine Präferenz für eine dieser Fassungen zu äußern. Auch die Verwendung von spitzen Klammern für denjenigen Text, der von B und H überliefert wird, sowie von Anführungszeichen für denjenigen Text, den F bewahrt, ist für die Benutzer der Ausgabe nicht unmittelbar einsichtig.

Auf Mommsens Edition fußt Alain Tranoy, der eine französische Übersetzung und einen historischen Kommentar hinzugefügt hat. Anders als Mommsen verzichtet er in den Fällen, in denen die Handschriften voneinander abweichende Versionen überliefern, darauf, den Text mehrspaltig abzudrucken; vielmehr fällt seine Präferenz auf B bzw., wo B fehlt, auf H. Die Edition von Julio Campos mitsamt spanischer Übersetzung von 1984 fußt S. 59 ebenso vornehmlich auf Mommsens Edition sowie auf der älteren spanischen Ausgabe von Garzón 1845, die eine überarbeitete Version von Sirmonds Text bietet.

Die neueste Edition, die mit einer englischen Übersetzung sowie einer umfassenden Einleitung versehen ist, hat Burgess 1993 besorgt. Anders als Mommsen hat Burgess für seine Edition die Handschrift B, deren äußere Gestalt er in fast jedem Aspekt (auch in Bezug auf die Orthographie, selbst wenn dies nicht sinnvoll ist148) in seiner Edition nachzuahmen versucht, als den am nächsten an Hydatius’ Original liegenden Hauptzeugen zugrunde gelegt und die übrigen Testimonien (F, H, M) nur insoweit im Apparat angegeben, als sie von B abweichen. Anstelle der Verwendung von spitzen Klammern und Anführungszeichen, um die anderen Versionen anzuzeigen, gibt Burgess in einer Bezeugungsleiste alle direkten und indirekten Textzeugen an und verzeichnet von B abweichende Varianten bzw. Zusätze im kritischen Apparat. Gegenüber Mommsen verändert Burgess auch die Kapitelzählung, da er darauf verzichtet, leere Jahre, d. h. Herrschaftsjahre, in denen die Chronik kein Ereignis verzeichnet, als Kapitel zu nummerieren (so c. 18 f. 22. 24–7. 31. 34), vgl. hierzu die Konkordanz zur Kapitelzählung in Kap. VI.1.

4. Grundsätze der Textkonstitution

Die vorliegende Edition folgt in vielerlei Hinsicht Burgess, ohne auf einige grundlegende Errungenschaften von Mommsens Ausgabe zu verzichten. So wird an der Kapitelzählung Mommsens, die in der Sekundärliteratur überwiegt, festgehalten. Dasselbe gilt für die Anpassung der Orthographie an die Standards des klassischen Lateins. Hingegen folgen wir hinsichtlich der Darstellung des Textes, der die Herrschaftsjahre als Blöcke betrachtet, weitgehend Burgess (und der Handschrift B).

Was den Textbestand angeht, so fehlt, wie erwähnt, B, dem vollständigsten Textzeugen der Chronik, auf Grund von Lücken etwa ein Zehntel des Texts. In vielen Fällen hat der Schreiber eine Lücke aus seiner Vorlage übernommen oder eine solche dorthin gesetzt, wo die Vorlage korrupt bzw. nicht lesbar war. Er hoffte wohl, durch den Vergleich mit einer anderen Version diese Lücken später füllen zu können, und hat daher genügend freien Raum S. 60 gelassen.149 In den meisten Fällen war dies aber – besonders am Anfang vor c. 37, aber auch zwischen c. 76 und c. 88 – nicht mehr möglich. Nur in c. 90 hat eine zweite Hand in B den fehlenden Teil Gaisericu des Namens Gaisericus, der bereits zu Beginn des Kapitels vorkommt, ergänzt. Höchstwahrscheinlich ist diese Ergänzung die Frucht einer gelehrten Konjektur und nicht das Ergebnis des Vergleichs mit einer vollständigeren Version.

Ein Indiz für das hohe Alter der Verderbtheit des allen Vorlagen gemeinsamen Archetyps ist die Tatsache, dass F keine dieser Lücken füllt, die spanische Epitome (H) erst mit c. 37 einsetzt und die Gallische Chronik von 511 Hydatius erst ab c. 42 verwendet, was, wie Burgess vermutet, einen terminus ante für die Beschädigung des Texts ergibt. 150 Burgess rechnet sogar mit der Möglichkeit, dass Hydatius selbst seine Chronik nicht vollendet und daher einige Lücken im Text gelassen haben könnte, die er zuletzt nicht mehr hat füllen können. Für eine nachhydatianische Beschädigung des Apographen spricht aber der Umstand, dass der uns von allen Testimonien überlieferte Text des Hydatius in gewissen Fällen nicht dem Eintrag der Consularia Constantinopolitana (a. 379,3. 380,2. 381,1. 383,2. 386,2), deren Quelle Hydatius wohl bis 395 war, gleicht. Die Tatsache, dass der spanische Verfasser dieses Teils der Consularia sonst Hydatius als Quelle verwendet hat, erlaubt die Vermutung, dass die vollständige Fassung des Hydatius dem Eintrag in den Consularia entsprach.151

Der Versuch, diese Lücken in B, wo möglich, mit Hilfe übriger Testimonien zu ergänzen, ist daher naheliegend. So können die übrigen Überlieferungsträger des Hydatius nicht nur dazu beitragen, Lücken in B zu füllen, sondern weiteres Textmaterial des Hydatius, das in B fehlt, beisteuern. Für die Fälle, in denen die anderen Codices weiteres Material unter dem Namen S. 61 des Hydatius überliefern, hat Burgess, anders als Mommsen, der mit wenigen Ausnahmen (etwa in c. 150, wo er den langen Bericht aus F über die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern als nicht-hydatianisch betrachtet) alles, was vor allem F und H über B hinaus überliefern, wiedergibt, bestimmte Mindestanforderungen festgelegt, die dieses Textmaterial erfüllen muss, damit es als authentisch betrachtet werden kann, wobei der Grundsatz gilt: „nothing outside of B is acceptable unless a strong case can be mounted for its inclusion.“152 Zunächst muss der zusätzliche Text in eine in B vorhandene Lücke passen. Mit nur einer Ausnahme akzeptiert Burgess Ergänzungen aus F, H und M nur dort, wo er dies als gegeben sieht. Dies ist der Fall in c. 37a, 192a sowie in c. 214a und 217a, die Burgess zu einem Kapitel zusammenfasst (bei ihm c. 213, nach Mommsen c. 217): „The epitomes preserve complete entries which perfectly fit existing lacunae in B.“153 Während dieses Kriterium objektiv ist, lässt ein zweites Kriterium subjektive Auslegungen zu: Burgess hält fest, dass zusätzlicher Text bezüglich des Kontexts und bezüglich des Stils zu Hydatius passen muss. Da in einigen Fällen Text auch dort fehlt, wo B keine oder nur eine kleine Lücke aufweist (etwa c. 16 u. 242), schließt auch das Fehlen einer materiellen Lücke in B nicht völlig aus, dass Zusätze in den anderen Codices aus Hydatius stammen können.

Einer der wenigen Fälle, der alle von Burgess aufgestellten Kriterien erfüllt, ist c. 37a, bei dem der aus den Codices F, H und M zusammengesetzte Text genau den in B freigelassenen Raum füllt, inhaltlich und stilistisch plausibel ist und in den Kontext des Berichts passt. Anders als Mommsen, der die drei Versionen von F, H und M nebeneinander abdruckt, gelingt es Burgess, aus den verschiedenen Versionen einen sinnvollen Satz zu konstruieren. Der von F überlieferte Text entbehrt am Ende des Prädikats (exsequitur), das H beisteuert.

Mommsen Burgess
F: M: H:
An. XI regni Arcadiae Martinus episcopus sanctus et vir apostolicus transit ad dominum carne deposita. cuius vita et mirabilia, quae fecit, Severus vir summus discipulus ipsius qui et cronicam alias quam haec sunt, ab initio geneseos perniciosissime scripsit. Anno ab incarnatione domini CCCCVIII et a passione CCCLXXV, ab urbe condita anno MLVII, olimp. CCXCVI, aera CCCCXLV beatus Martinus vir apostolicus transit ad dominum carne deposita III idus Novembris feria I, luna XV, anno aetatis suae LXXI et episcopatus XXIII anno autem Archadii et Honori XI. Beatissimi Martini vitam et mirabilia, quae fecit, Severus vir summus, discipulus ipsius qui et chronica alia, quam haec sunt, ab initio genesis usque ad sectam Priscillianistarum perniciosissimam conscripsit, exsequitur. XI. Martinus episcopus sanctus et vir apostolicus transit ad dominum carne deposita; cuius vitam et mirabilia quae fecit, Severus vir summus, discipulus ipsius, qui et chronica alia quam haec sunt ab initio genesis usque ad sectam Priscillianistarum perniciosissimam conscripsit, exsequitur.

S. 62

An diesem Beispiel erkennt man auch die verschiedenen Vorgehensweisen der Exzerptoren. Während F lediglich das in B immer in Ziffern ausgedrückte Herrschaftsjahr des Arcadius am Anfang nennt und abgesehen von den orthographischen und grammatikalischen Unzulänglichkeiten alle wichtigen Informationen dieses Kapitels enthält, gibt M, der wohl dieselbe Vorlage wie F benutzt hat, nur die Nachricht von Martinusʼ Tod wieder, setzt sie aber in einen umfassenden chronologischen Rahmen, der neben dem Herrschaftsjahr und der Olympiade, die sonst auch in B vorkommen, zusätzlich (entsprechend den Gepflogenheiten dieser Kompilation) die Jahre seit der Inkarnation und Passion Christi, seit der Gründung Roms und der spanischen Ära sowie das auf den Tag genaue Datum enthält. Hingegen fehlt in H die Nachricht über Martinusʼ Tod, während über Severus’ Biographie in einem grammatikalisch korrekteren Satz als in F berichtet wird.

Die übrigen Zusätze aus F und H lehnt Burgess indessen vor allem aus stilistischen und inhaltlichen Überlegungen ab; so werden etwa c. 19a, das in eine vorhandene Lücke passt, und c. 62a/b als nicht-hydatianisch verworfen. Anders als bei Burgess werden auch die Zusätze, in denen die Handschrift B keine Lücke aufweist, die aber in den Kontext passen und in Mommsens Edition stehen, in die vorliegende Edition aufgenommen.154

5. Bemerkungen zur Orthographie

In allen Codices kommen zahlreiche orthographische Varianten und Fehler vor, ohne dass dabei eine besondere Absicht erkennbar ist. Sie werden in dieser Ausgabe in der Regel stillschweigend der in den modernen lateinischen Editionen üblichen Schreibweise angepasst und daher nicht im kritischen Apparat vermerkt, sondern in der folgenden Liste aufgeführt. Dabei handelt es sich wohl durchgehend um Varianten, die das Resultat des Sprachgebrauchs und der Schreibpraxis der mittelalterlichen Kopisten sind S. 63 und insofern nicht auf Hydatius selbst zurückgehen. Zu Recht hat schon Mommsen einige der im Folgenden exemplarisch aufgeführten orthographischen Varianten und Fehler (vor allem bei Namen) der gebräuchlichen Schreibung angepasst.155

ae statt e findet man etwa in B aecclesiae statt ecclesia (c. 65 u. 186), assiduae statt assidue (c. 100), ducae statt duce (c. 112), caetera statt cetera (c. 66) und caeteris statt ceteris (c. 175); auch Caelenis statt Celenis (c. 31) und Suaevi statt Suevi zweimal in B (c. 49 u. 170) und immer in F (c. 42. 49. 60. 71. 113. 119. 168. 181. 187. 193. 205. 237); ebenso in F aevocatus statt evocatus (c. 166). In B sind noch caelebrantur statt celebrantur (c. 14) und speciae statt specie (c. 186) zu erwähnen; dagegen e statt ae in B in Romane statt Romanae (c. 52. 65. 105 sowie vor der Korrektur auch c. 15 u. 65), plage statt plagae (praef. 2,2 u. c. 126), seviente statt saeviente (c. 49) sowie deseviunt statt desaeviunt (c. 250), pasche statt paschae (c. 5), bacaude statt bacaudae (c. 158); häufig hat aber der Korrektor dieses Versehen von Ba.c. korrigiert: que zu quae (praef. 1), bestie zu bestiae (c. 48), stultissime secte zu stultissimae sectae (c. 106), militie zu militiae (c. 125), Constantinopolitane zu Constantinopolitanae (c. 127), Manichei zu Manichaei (c. 130), sue zu suae (c. 146), plurime zu plurimae (c. 150), quedam zu quaedam (c. 151), Egidius statt Aegidius (c. 228), preerat zu praeerat (c. 246), aber fälschlich auch das Adverb dolose zu dolosae (c. 97) und assiduae statt assidue (c. 100 Ba.c.). Ebenso einmal hec statt haec (c. 37) in Hm und Bethicam statt Baeticam in H (c. 123), Aeroli statt Eruli, Betecam statt Baeticam (c. 194) und Aemereta statt Emerita (c. 137) in F. Ebenso steht manchmal e statt oe, so in B cepta statt coepta (c. 107).

Dagegen findet man die Vertauschung von c und t in B etwa in conditiones statt condiciones (c. 155), ditionem statt dicionem (c. 223), Martiani und Martianus statt Marciani und Marcianus (c. 154 u. 165), sacerdocii statt sacerdotii (c. 248) und vor dem Eingriff des Korrektors provintiae statt provinciae (c. 106) sowie provintias statt provincias (c. 133 u. 150), patritio statt patricio (c. 60), pernitiosam statt perniciosam (c. 144); in F emendacione statt emendatione (c. 19a), sorciuntur statt sortiuntur (c. 49), nuncians statt nuntians (c. 177), tercio statt tertio (c. 137 u. 157) sowie tercia statt tertia (c. 225); in H substancia statt substantia (c. 48). Einmal wird in B der Dental d durch t, so aput statt apud (c. 6), und der Labial p durch b in elabsam statt elapsam (c. 223) vertauscht.

S. 64

Die Vertauschung von i und y findet man in B etwa in singrafus und presbiter statt syngrafus (oder syngrafeus?) und presbyter (praef. 2,4), Ortigio statt Ortygio (c. 31), presbiterio statt presbyterio (c. 39), beim Namen Hieronimus statt Hieronymus (praef. 1 u. 2,3; c. 39 u. 40; aber auch umgekehrt Hyeronimus c. 59), Hierosolimis statt Hierosolymis (c. 66 u. 106), Siagrius statt Syagrius (c. 102), Epyfanius statt Epiphanius (c. 124), Conynbrica statt Conimbrica (c. 229); dagegen in F Hagyulfum statt Agiulfum (c. 139) und Richymundo statt Rechimundo (c. 193).

Vor allem in F findet man oft die Vertauschung von i und e etwa in rigni statt regni (c. 7 u. 9), legisque statt legesque und ededit statt edidit (beide c. 19a), tyrannecus, bestearum und pestelentia statt tyrannicus, bestiarum und pestilentia (c. 48), capetur statt capitur (c. 116), moretur statt moritur (c. 146 Fa.c. u. 184), princepis statt principis (c. 154), consinso statt consenso (!) (c. 173 Fa.c), baselecas statt basilicas (c. 174 Fa.c.), Emereta(m) statt Emerita(m) (c. 182 u. 186), soletam statt solitam (c. 190), comitebus statt comitibus (c. 201), civetatis statt civitatis (c. 244); ebenso aetalia(m) statt Italia(m) (c. 177 u. 185), Gallies statt Galliis (c. 210 Fa.c.), invedus statt invidus (c. 217 Fa.c.), soledati statt solidati (217a), civetas statt civitas und domebus statt domibus (beide c. 241 Fa.c.), imperatores statt imperatoris (c. 247 Fa.c.), depraedantebus statt depraedantibus (c. 250 Fa.c.); in B sind penitrans (c. 18 Bp.c.) statt penetrans, rigionibus statt regionibus (c. 246) und Asturecensis statt Asturicensis (c. 249) zu verzeichnen. Ähnlich sind in F feminine Genitivformen (also ae und i) bei der Angabe des Herrschernamens wie z. B. Theudosiae statt Theudosii (c. 6 f. 9 f. 12. 44. 90. 103) oder Honoriae statt Honorii (c. 44) und beim Wort imperium (c. 166. 211. 170. 184. 235 imperiae statt imperii), die manchmal von einer zweiten Hand verbessert worden sind.

Ebenso fällt bisweilen der Ablativ der u-Deklination mit demjenigen der o-Deklination zusammen: consulato (c. 76 Ba.c.) statt consulatu (c. 76 Bp.c.) und exercito statt exercitu (c. 173 Ba.c.). Ebenfalls kommt die Vertauschung von o statt u in Octubris statt Octobris156 (c. 42. 151. 173) in B und in occopatis statt occupatis (c. 114) in F vor der Korrektur durch eine zweite Hand vor. Umgekehrt auch supradictu statt supradicto (c. 99 Ba.c.).

Der germanische Laut w wird in den Handschriften meist mit v, manchmal auch mit vv wiedergegeben. In dieser Edition wird an v, der traditionellen lateinischen Schreibweise dieses Lautes, festgehalten (etwa c. 42. 49. 71. 200. 224. 238. 240. 247). Vandali statt Vuandali in H (Hn hat einmal c. 67 S. 65 sogar Bandalorum) und F bzw. Vandoli (oft) in B, dazu Vualia statt Vallia (c. 60. 63. 70) in H.

In wird B regelmäßig f statt ph geschrieben, etwa in B profetia statt prophetia (c. 57), was auch bei Stefanus statt Stephanus (c. 58) in F der Fall ist; dazu kommt das Hapax legomenon singrafus statt syngraphus (praef. 2,4). Ebenso fehlt bisweilen h: in B Ioannes statt Iohannes (c. 37 Bp.c.), debaccantibus statt debacchantibus (c. 48), oram statt horam (c. 191 Ba.c.), aud statt haud (c. 90 u. 92 Ba.c.) und Unorum statt Hunorum (c. 150), ebenso Uni statt Huni (c. 153 f., während F jeweils Chuni hat), Esycius statt Hesychius (c. 177); dazu Atanaricus statt Athanaricus (c. 6) in F und Cartagine statt Carthagine in H (c. 86). h ist parasitär im Namen Archadius statt Arcadius (c. 27 u. 42 in B und immer in H), Bracharensi (-e Hm) statt Bracarensi (c. 214a in H) und bei Marchianus (c. 169 Ba.c.; c. 147 u. 157 in H). Der Name Rechiarius erscheint als Reciarius (c. 140), ebenso Bethicam statt Baeticam in H (c. 123).

Die Nasallaute n und m werden etwa in eumdem statt eundem (c. 108 u. 142) und in quemdam statt quendam (138 Ba.c.) vertauscht.

Manchmal fehlt die Gemination, so etwa in B quinquenalia statt quinquennalia (c. 14), ingresus statt ingressus (c. 19), efecta statt effecta (c. 73), sucessor statt successor (c. 128), ilas statt illas (c. 134), inoportunitate statt inopportunitate (c. 236) und rediderant statt reddiderant (c. 168 Ba.c.). Dagegen kommen falsche Geminierungen in H etwa in Affrica (c. 56), ammonitus statt admonitus (c. 90 Hm) und in B camellorum (c. 174) und commitem bzw. commitum statt comitem und comitum (c. 17. 92. 151. 218), invalidior statt invallidior (c. 186), famma statt fama (c. 218) vor, auch wenn in einigen Fällen eine zweite Hand die falsche Form verbessert hat, so etwa pressidet zu praesidet (c. 221).

Wie aus einigen schon angeführten Beispielen hervorgeht, divergieren bei den Personen- und Ländernamen die Schreibweisen innerhalb und zwischen den einzelnen Handschriften sehr. In dieser Edition wurden sie, wo möglich, vereinheitlicht und ebenso der in den modernen lateinischen Editionen üblichen Schreibweise angepasst, s. auch u. Kap. V. Hydatius, der Name des Verfassers der Chronik, der seinen Namen sowohl in der Einleitung als auch im Hauptteil mehrmals erwähnt, erscheint in B immer als ydatius und in F und H als adacius bzw. einmal als udacius (praef. 1) in F und idatius (c. 62b) in H. Ebenso wird Gallaecia, Hydatius’ Heimat, statt callaecia bzw. gallaecia stets gallicia (c. 2. 49. 68. 74. 96 f. 190), gallacia (c. 91. 173. 178), callecia (c. 106 u. 113), callicia (c. 96 u. 196) und gallaetia S. 66 (c. 220) geschrieben; dasselbe gilt für deren Bewohner, die etwa als galleciorum (c. 188), als gallecios (c. 197) und als galleciorum (c. 204) erscheinen. In der Edition werden einheitlich die Formen Gallaecia und Gallaeci verwendet. Der Namensbestandteil Theo- erscheint oft als Theu-, so etwa neben den falschen Genitivformen Theudosiae (s. o.) auch als Theudosius in F (c. 1) und in H (c. 42). Statt des stets in B überlieferten Theudoricus steht Theudericus in Hn und einmal Theodorus in F (dagegen c. 156. 186. 192. 193. 213 u. 230 auch Theudericus in F und teilweise in H). In c. 247 stellt Mommsen Rechimerum her, während B Rechimerium und F Rychimirum haben. Ebenso korrigiert Mommsen das von B überlieferte Antimius in Anthemius (c. 234 f. 247). Geiserich (c. 89. 90. 115. 118) erscheint in B als Gaisericus, in F als Gaisiricus, in Hm als Gaysaricus und in Hn als Gaisaricus bzw. als Gaysericus, Rechila (c. 114. 119. 137) in B als Rechila, in F als Rychila und in H als Richila, Cyrila (c. 189 u. 193) in B als Cyrila, in F als Cyrola, in Hm als Chirilla bzw. Cirila. und in Hn als Cyrilla, Sunierich in B als Sonerico, in F als Sunnerico und in H als Sunerico.

Die geringe Qualität der Handschriften wird auch durch die hohe Zahl von teilweise bereits in den Handschriften selbst korrigierten Verschreibungen bestätigt, so etwa in B indignussimus statt indignissimus (praef. 1), consummada statt consummanda (praef. 2,9), Sabastianus statt Sebastianus (c. 132), Baucaudis statt Bacaudis (c. 140 Ba.c.), imprator statt imperator (c. 162), Marcinianus statt Marcianus (c. 169 Ba.c.), abtractus statt abstractus (c. 174), hubitantes statt habitantes (c. 199), septebri statt septembri (c. 224), in F Agustus statt Augustus (c. 2. 4. 163. 211), Placida statt Placidia (c. 44 Fa.c.), occansione statt occasione (c. 96). In der Edition wurde die bereits vom Korrektor in B hergestellte Assimilation der Präfixe übernommen: so illustris statt inlustris (c. 17), assertore statt adsertore (c. 31), annuntationes statt adnuntationes (c. 48), irruens statt inruens (c. 116) und irruptis statt inruptis (c. 154). Dagegen wurde die falsche Assimilation susscriptione wieder in subscriptione (c. 31) zurückverwandelt.

6. Sprache und Stil

Mommsen und Burgess haben die Sprache des Hydatius ziemlich knapp beschrieben, während Cardelle de Hartmann in ihrer Dissertation die Phonetik und die Morphologie, die Syntax, die Wortwahl und die rhetorische S. 67 Gestaltung der Chronik umfassend und ausführlich beleuchtet hat. Ihre Ergebnisse bilden die Grundlage der folgenden Ausführungen.157 Wie schon bezüglich der Orthographie angedeutet, widerspiegelt Hydatius’ Sprache das Spätlateinische, das sich am klassischen Latein orientiert und nur geringe Einflüsse des Vulgärlatein aufweist.158 Typisch für das Spätlatein ist etwa, dass die Demonstrativpronomina eine Bedeutungsminderung erfahren und in ihrer Bedeutung oft zusammenfallen. So verwendet Hydatius in der Funktion von Demonstrativ- bzw. Determinativpronomina zwar oft is und hic (je fast 40mal), dagegen iste und ille je nur einmal. An ihre Stelle treten ipse (29mal) und idem (25mal), die neben ihren speziellen (klassischen) Bedeutungen oft dasselbe wie is bedeuten. Ebenso typisch für das Spätlatein ist der häufige Gebrauch von aliquanti in der Bedeutung von ‚einige, ein paar‘, das Hydatius neben dem Indefinitpronomen quidam verwendet. In Bezug auf den Wortschatz kann Hydatius mit der von der Bibelübersetzung beeinflussten Sprache der Kirchenväter verglichen werden.

Was den Stil dieser Chronik angeht, so kann man im Großen und Ganzen Cardelles Einschätzung folgen: „Der Stil des Hydatius zeichnet sich durch die sparsame Anwendung rhetorischer Mittel und die Kürze der Sätze [aus]. Die geschilderten Fakten werden aneinandergereiht, ohne dass der Autor eine Deutung versucht.“159 Indessen ist der Wille zur stilistischen und rhetorischen Gestaltung des Textes seitens des Chronisten, der in der Regel den Gesetzen der Gattung entsprechend als neutraler Berichterstatter erscheint, an mehreren Stellen durchaus erkennbar. In dieser Beziehung steht Hydatius den anderen Chroniken seiner Zeit in keiner Weise nach. Auch wenn Hydatius als Fokalisator nur selten direkt im Werk erscheint, kann er etwa durch den Gebrauch von Superlativen durchaus eigene Urteile anbringen. Dazu gehören etwa die positiven Wertungen von Männern der Kirche: probatissimorum in omnibus virorum (praef. 2,2), Theophilus, vir eruditissimus insignis (c. 5), Severus vir summus (c. 37), Hieronymus ... peritissimus ... eius probatissima monimenta (c. 59). Umgekehrt werden die Feinde der Kirche S. 68 dadurch negativ gezeichnet, so haeresim eius blasphemissimam (c. 31), Eudoxiam ... infestissimam (c. 37), sectam Priscillianistarum perniciosissimam (c. 37a), stultissimae sectae (c. 106). Die Bedeutung der erzählten Ereignissen kann gleichfalls durch Superlative verstärkt werden: gravissimo terrae motu (c. 66), crudelissime depraedati sunt (c. 171), crudelissime invadunt (c. 194), durissimus … annus (c. 252). Aber auch mit nicht gesteigerten Adjektiven kann Hydatius werten, so etwa die Sueven ut semper fallaces et perfidi (c. 219) oder den Arianer Ajax hoc pestiferum inimici hominis virus (c. 232). Ebenso kritisiert er durch den Gebrauch des Adverbs inconsulte (c. 77) die Aktionen des Castinus. Hydatius kann die Fokalisation auch einem unpersönlichen, unbestimmten ‚man‘ (etwa c. 57 putatur), einem Gerücht (c. 167 ut mala fama dispergit) oder einer in der Erzählung involvierten Figur wie Heremigar (c. 90 ut putavit) überlassen und sich dadurch vom Erzählten distanzieren. Selten wird die Absicht handelnder Figuren durch ein Participium coniunctum (etwa c. 182 moliens), einen Finalsatz (c. 120 ut) oder durch einen erklärenden Nebensatz (z. B. c. 89 cum impie elatus manus in ecclesiam civitatis ipsius extendisset) ausgedrückt.

Entsprechend dem Genre sind die Perioden mit Ausnahme der praefatio über weite Strecken parataktisch und weisen einfache Satzkonstruktionen nach dem Muster Subjekt–Objekt–Prädikat auf, die aber oft durch Partizipialkonstruktionen (wie Participia coniuncta und absoluter Ablativ) erweitert werden. Die Subordination von Nebensätzen ist dagegen seltener (etwa ein historisches cum mit Konjunktiv c. 43. 77. 82. 89. 134. 162).160 Trotz der Kürze sind die Perioden durchaus variiert und verleihen dem Text eine gewisse Lebendigkeit, wobei am Ende der Perioden die Wortstellung durchgehend durch den Gebrauch akzentuierender Klauseln wie den Cursus planus (óooóo, etwa c. 18 simulácra subvértit), den Cursus tardus (óooóoo, etwa c. 22 tyránnus effícitur) und den Cursus velox (óooooóo, etwa c. 31 factiónibus exsulábat) beeinflusst wird.161

Hydatius kannte wohl, wenn auch oberflächlich, das Griechische, wie die Verwendung von einigen Hapax Legomena wie syngraphus (praef. 2,4) für ‚Historiker‘ oder metabola (c. 236) für ‚Veränderung‘ zeigen.162

S. 69

Die rhetorische Ausarbeitung, die vor allem in der Einleitung deutlich wird, verstärkt jeweils die Aussage.163 In der Chronik kommen verschiedene rhetorische Figuren und Tropen vor. 164 Ein gutes Beispiel dafür, dass Hydatius auch komplexe Perioden meistern und ein Ereignis bewusst sprachlich wirkungsvoll schildern kann, liefert c. 48, in dem die Situation Spaniens, das von mehreren Plagen heimgesucht wird, mit Hilfe von parataktisch nebeneinandergestellten, parallelen Kola und einem ebenso aus mehreren Teilen bestehenden untergeordneten Konsekutivsatz, der einen Relativsatz enthält, dargestellt und am Ende zusammenfassend als Erfüllung von Prophezeiungen gedeutet wird.

debacchantibus per Hispanias barbaris

et saeviente nihilominus pestilentiae malo

opes et conditam in urbibus substantiam tyrannicus exactor diripit et miles exhaurit.

fames dira grassatur adeo,

ut humanae carnes ab humano genere vi famis fuerint devoratae.

matres quoque necatis vel coctis per se natorum suorum sint pastae corporibus;

bestiae occisorum gladio, fame, pestilentia cadaveribus assuetae quosque hominum

fortiores interimunt eorumque carnibus pastae passim in humani generis

efferantur interitum.

et ita quattuor plagis ferri, famis, pestilentiae, bestiarum ubique in toto orbe saevientibus

praedictae a domino per prophetas suos annuntiationes implentur.165

Die beiden ersten mit et verbundenen Glieder stehen im absoluten Ablativ und fassen den zuvor berichteten Barbareneinfall (c. 46) sowie die Seuche (c. 47) zusammen. Schon zu Beginn wird durch den Gebrauch des seltenen Verbs debacchari, das Hydatius von Hieronymus chron. praef. (p. 7 Helm) übernommen und selbst praef. 2,6 verwendet, der Erzählung Emphase verliehen. Die neue Information steht im Hauptsatz, in dem weitere menschliche Übel (tyrannicus exactor diripit et miles exhaurit) erwähnt und mit

S. 70

Hilfe des Parallelismus verstärkt werden. Hingegen werden die Folgen des mit dem Adjektiv dirus emphatisch konnotierten Hungers in einem Konsekutivsatz, der aus drei nach Behaghels Prinzip der wachsenden Glieder asyndetisch nebeneinandergestellten Kola besteht, geschildert. Polyptoton (humanae … humano; pastae passim und ferri, famis), Alliteration (famis fuerint), Homoioteleuton (natorum suorum), Asyndeton (gladio, fame, pestilentia und ferri, famis, pestilentiae, bestiarum), leichter Pleonasmus (ubique in toto orbe) und Metapher bzw. Zeugma (opes et conditam in urbibus substantiam … miles exhaurit) verleihen der Periode weitere Emphase. [C. S.]

V. Gestalt und Ziel der Ausgabe

Die vorliegende Ausgabe nutzt (außer in der Praefatio) die Kapitelzählung der MGH-Ausgabe von Mommsen. Burgess hat im Rahmen seiner Edition 1993 eine abweichende Zählung vorgeschlagen, die durch sein Vorgehen, berichtleere Jahre nicht mitzuzählen, von Mommsen abweicht und die sich zumindest im angelsächsischen Sprachraum durchgesetzt hat. Eine listenartige Gegenüberstellung der beiden Ansätze findet sich in Kap. VI.1. Eine zweite Liste in Kap. VI.2 gibt eine Übersicht über verschiedene Vorschläge zur Synchronisierung der hydatianischen Herrschaftsjahre mit Jahresangaben ‚nach Christus‘. Zu den letztlich aporetischen Problemen bei der Rekonstruktion einer vollständig überzeugenden Rahmenchronologie vgl. Kap. II.2. Die von Mommsen noch häufig aufgeführten epitomierenden Varianten zu einzelnen Einträgen in H und F sind in die vorliegende Edition nur dann übernommen worden, wenn sie Informationen liefern, die über die maßgebliche Hs. B hinausgehen, und diese Informationen zum einen eine gewisse historische Plausibilität haben und zum anderen nicht allein auf Missverstehen des Hydatius-Textes durch spätere Bearbeiter aufbauen.166

S. 71

Im Kommentar sind Verweise auf Einträge der PLRE immer an der Stelle der Erstnennung einer gegebenen Person im Text der Chronik eingefügt, nicht bereits bei einem möglicherweise schon früheren Auftauchen im Kommentar. Die Namensformen nichtrömischer Personen verzichten in der Übersetzung meist auf lateinische Endungen und verwenden stattdessen die im Deutschen gängigeren und beim Lesen mutmaßlich weniger Anstoß erregenden Formen (Geiserich statt Gaisericus; Rechiar statt Rechiarius usw.). Ein solches Vorgehen sollte gerade für eine zweisprachige Ausgabe keinen Mangel darstellen.167 Aus einer ähnlichen Überlegung heraus wurden bei der Wiedergabe von Ortsnamen konsequent moderne Formen gewählt (Sevilla statt Hispalis, Toulouse statt Tolosa usw.). Im Falle größerer Städte erleichtert dies auch weniger kundigen Nutzern eine unmittelbare Identifizierung der Schauplätze, im Falle unbekannterer Orte macht die Wahl moderner Toponyme eine Lokalisierung auch für Experten weniger aufwändig. Die lateinische Form der Ortsnamen ergibt sich ohnehin aus der Edition. Für ein Register der Personen- und Ortsnamen sei hier, wie bereits in den vorherigen Bänden der KFHist, auf den im Aufbau begriffenen Online-Auftritt des Projekts verwiesen, in dem alle edierten Texte durchsuchbar sein werden.

Das Ziel der Kommentierung im vorliegenden Band ist es nicht, einen vollständigen Überblick über sämtliche Parallelstellen zu einzelnen Berichtereignissen zu geben, was angesichts des Sondergutcharakters weiter Passagen der Chronik auch an der eigentlichen Bedeutung des Textes vorbeigehen dürfte. Ebenso wenig kann das Ziel sein, zu jedem Detail die gesamte Forschungsgeschichte abzubilden. Die Bearbeiter halten es, wie schon bei den KFHist-Bänden zu Prosper von Aquitanien (G 5) und zur Gallischen Chronik (G 7), für die vornehmliche Aufgabe des Kommentars, den Benutzern eine Hilfestellung zu geben, die Chronik in Aufbau und Komposition, in Grundpositionen und Aussageabsichten tiefer zu durchdringen. Insofern versteht sich der vorliegende Band als Ausgangspunkt für intensive Detailuntersuchungen zu Hydatius, nicht aber als Endpunkt der Beschäftigung mit dessen Chronik per se. [J. K.]


1 Thoribius von Astorga an Hydatius und Ceponius: PL54, 693–5; Briefwechsel des Leo mit Thoribius: Leo M. epist. 15. Im Leo-Brief wird Hydatius als Mitkämpfer des Thoribius genannt. Die biographischen Hinweise auf Hydatius bei Ps.-Isidor (Chron. min. 2:4) führen nicht weiter, da sie der Chronik entnommen sind: Muhlberger, Chroniclers 195 f.

2 Die Communis opinio einer Geburt um 395 vertreten: Cardelle de Hartmann, Hydatius 4; Claude, Prosopographie 660; Mommsen, Chron. min. 2:4; Muhlberger, Chroniclers 196f.; Seeck, Art. Hydatius 40; Torres, Peregrinaciones 410–2; Tranoy, Hydace 1:12 f. Für eine Geburt bereits etwa fünf Jahre zuvor plädiert Molè, Storico 1:287 f. Die Reise in den Osten ist, trotz einiger Probleme wie der Nennung des 403 verstorbenen Epiphanius von Salamis, wohl ins Jahr 407 zu setzen, vgl. Komm. c. 38. Die Angabe, die Reise als infantulus unternommen zu haben, ist ungenau, dürfte aber auf ein Alter von maximal vierzehn Jahren hindeuten, Cardelle de Hartmann, Hydatius 4; Torres, Peregrinaciones 411.Viel später als 395 kann Hydatius indes auch nicht geboren sein, zumindest wenn man davon ausgehen will, dass er seine Bischofsweihe 427 nicht vor dem kanonisch vorgeschriebenen Mindestalter von 30 Jahren erhalten hatte.

3 Börm, Hydatius 200: „Marginaler als Hydatius konnte man in der römischen Welt kaum positioniert sein.“ Ähnlich: Thompson, Roman Spain 1:15–7.

4 Unabhängig davon, dass der Name recht offen für Varianten war (Hs. B gibt durchgehend Ydatius, die H-Tradition Idatius oder Idacius; auch in der RE finden sich versehentlich zwei Einträge, nämlich zu ‚Hydatius‘ und zu ‚Idatius‘), war er nicht sonderlich gängig. Für eine Verwandtschaft mit Hydatius von Mérida, mal mehr, mal weniger vorsichtig: Mommsen, Chron. min. 4; Muhlberger, Chroniclers 197 f.; Seeck, Art. Hydatius 40. Mehr oder weniger klar dagegen: Burgess, Chronicle 3 f.; Cardelle de Hartmann, Hydatius 1 f.; Reinhart, Historia 87; Tranoy, Hydace 1:9 f.; Torres, Peregrinaciones 413 f.

5 Zur anzunehmenden sozialen Prominenz des Hydatius: Burgess, Chronicle 3 f.; Muhlberger, Chroniclers 196 f.; Torres, Peregrinaciones 426.

6 Muhlberger, Chroniclers 197 überlegt, ob die Familie des Chronisten im Dienste der theodosianischen Dynastie stand; ähnlich schon Torres, Hidacio 766 f. Dann aber könnte der Grund für die Pilgerfahrt möglicherweise auch die Usurpation des Konstantin III. 407 gewesen sein, die ein zeitweiliges Ausweichen der Familie aus Spanien nötig machte. Diese Idee hat eine deutlich größere Wahrscheinlichkeit als die Mutmaßung von Gil, Notas 379, der meint, dass Hydatius ursprünglich vielleicht aus dem Osten stammte, seine Reise damit gar keine Reise aus Spanien heraus gewesen sei. Als Indizien nennt Gil den ungewöhnlichen Namen des Chronisten und die mitunter in die Chronik eingestreuten Gräzismen (vgl. folgende Anm.). Beide Argumente sind nicht zwingend und widersprechen darüber hinaus deroffen- bar engen sozialen Bindung des Hydatius an die Gallaecia.

7 Die Verwendung griechischer Termini (praef. 2,4 syngraphus;c. 236 metabola) könnte sogar auf Griechischkenntnisse hindeuten; Burgess, Chronicle 10 Anm. 16 geht anhand eines missverständlichen Gebrauchs vonmetabolaaber davon aus, dass diese Begriffe lediglich bildungsbürgerliche Schlagworte darstellen. An der guten und umfänglichen Bildung des Chronisten kann aber trotzdem nicht gezweifelt werden.

8 Die Communis opinio akzeptiert die entsprechende Sitzzuweisung: Börm, Hydatius 197f.; Candelas, Hidaciopassim ; Claude, Prosopographie 660; Courtois, Auteurs 24; Molè, Storico 1:289 f.; Mommsen, Chron. min. 4; Schäferdiek, Kirche 129. Dagegen v.a. Thompson, Romans and Barbarians 139 f., der infrage stellt, ob die Stadt jemals ein Bischofssitz war. Zur Diskussion auch Komm. c. 207. Zu Aquae Flaviae selbst, mit deutlicher Betonung des römischen Charakters der Stadt: Fonseca Sorribas, Aquae Flaviae passim.

9 Im Anschluss an die Forschungsbezeichnung südgallischer Augustinus-Kritiker, denen ihre Gegner vorwarfen, Pelagianer zu sein, obwohl sie dem Häretiker Pelagius eine Absage erteilt hatten, als ‚Semi-Pelagianer‘, ließen sich die Gegner des Hydatius vielleicht besser als ‚Semi-Priscillianer‘ bezeichnen. Einiges spricht dafür, hinter den Konflikten eher Unstimmigkeiten zwischen rigoristischen und konzilianten Positionen zu vermuten als zwischen einer Orthodoxie und einer Häresie im eigentlichen Sinne.

10 Torres, Peregrinaciones 440. Eine ganze Gruppe kirchenpolitischer ‚Falken‘ identifiziert Cardelle de Hartmann, Ortodoxos 93: Neben Thoribius und Hydatius gehörten Ceponius (s. o. S. 3 Anm. 1), sowie wohl die Bischöfe Pastor und Syagrius (c. 102) dieser Gruppe an.

11 Dass Hydatius nicht vom Fehlschlag des in c. 247 erwähnten Vandalenzugs berichtet, stützt die Vermutung. Vgl. auch die Angabe bei Ps.-Isid. (s. S. 3 Anm. 1), Hydatius sei noch unter der Herrschaft Kaiser Leos gestorben, der allerdings kein über Hydatius hinausgehender Quellenwert zukommt.

12 Im weitesten Sinne geht es dabei um eine die eigene Zeit deutende Bewältigung von Kontingenzen, vgl. dazu theoretisch Rüsen, Kultur der Zeit passim. Bei Hydatius verbindet sich der Zeitdeutungsmechanismus eng mit dem geschichtlichen Ziel eines unmittelbar bevorstehenden Weltenendes: Kap. III.4.

13 Das Verhältnis von Consularia Constantinopolitana und Hydatius-Chronik ist umstritten. Lange galt Hydatius als Fortsetzer der Consularia nach 389/95, mittlerweile wird eher von einem dritten Kompilator ausgegangen, der die Hydatius-Chronik kannte. Dass Hydatius aber den Teil bis 389/95 kannte, wird kaum bestritten, vgl. Cardelle de Hartmann, Hydatius 24–38; Holder-Egger, Untersuchungen 68–72. Überblick über die Forschung: Becker, Einl. Cons. Const. (KFHist G 1) 21–6. Zu Fragen einer möglichen gattungstheoretischen Abgrenzung von Consularia und Chroniken: Burgess/Kulikowski, Mosaics 35–57.

14 Hierzu Cardelle de Hartmann, Hydatius 89; Thompson, Romans and Barbarians 140.

15 Inkonsistenzen als Indiz mehrstufiger Entstehung: Gillett, Envoys 47–9. Ein Befund zur Gallischen Chronik von 511 spricht möglicherweise ebenfalls dafür: Einerseits schöpft diese Chronik stark aus Hydatius, andererseits gehen die Übernahmen nicht über das Jahr 451 hinaus (Chron. Gall. [511] 61 [616] aus Hyd. chron. 151).

16 Burgess, Chronicle 5 f. spricht sich für die zweite Variante aus, ebenso Cardelle de Hartmann, Hydatius 64 und Halsall, Migrations 260 Anm. 20.

17 Für zumindest möglich hält Thompson, Roman Spain 1:6 den Beginn der chronistischen Tätigkeit 427. Man müsste sich demgegenüber aber fragen, wieso Hydatius seine Bischofserhebung nicht eigens im Text der Chronik erwähnt, wenn diese einen wichtigen konzeptionellen Einschnitt markiert haben sollte.

18 Dort, wo schon seine Vorlage Lücken aufwies, ließ B ebenfalls Lücken, vgl. Burgess, Chronicle 47, der einen Textverlust von ca. 10 % annimmt. Dass die chronologischen Probleme von B früh erkannt wurden, spiegelt sich in zahlreichen Korrekturen und Ergänzungen von Datierungsträgern im Manuskript. Es lassen sich bis zu drei Hände erkennen (s. u.). Die Korrekturen führen dazu, dass die Rahmenchronologie von B an sich stimmig ist, insofern jeweils vier Herrschaftsjahre auf jede Olympiade verteilt werden. Es gelang dabei aber nicht, die vorgefunden Probleme vollständig zu lösen; teilweise wurden die durch Korrekturversuche sogar verschärft, s. u.

19 Lösung des Problems durch Erkennen verschiedener Korrekturstufen im Manuskript: s. u. Faktisch herrschte Severus 461–65, was vier oder fünf (je nachdem, ob das Antrittsjahr inklusiv gezählt wird) Jahre ergibt. Im Jahr 466 folgte dann ein Interregnum, da der Severus- Nachfolger Anthemius erst 467 erhoben wurde.

20 Da Courtois selbst keine Ausgabe vorgelegt hat, blieb seine Position weitgehend folgenlos. Tranoy, der seine Edition ansonsten weitgehend auf den Überlegungen von Courtois aufbaut, verzichtet auf die Tilgung der verdächtigen Details, obwohl er die Verdachtsmomente durchaus teilt.

21 Zur Kritik: Muhlberger, Chroniclers 285–311, v. a. 291–9; Burgess, Chronicle 27–31.

22 Bei den Übergängen von Valentinian auf Avitus (Valentinian XXXI = Avitus I [a. 455]) und von Avitus auf Majorian (Avitus III = Majorian I [a. 457]) hat Courtois allerdings recht. Diese beiden Fälle reichen aber nicht, um ein systematisches Vorgehen zu postulieren. Für Doppeldatierungen (neben Courtois u. Tranoy, Hydace 1:71 f.) mit Vorsicht Mathisen, Regnal Year 327 Anm. 4. Deutlich dagegen: Burgess, Chronicle 30 u. 39 f.

23 Es wäre freilich einzuwenden, dass die Olympiaden in B möglicherweise auch nachträglich angepasst worden sein könnten. Da der Ausgangsbefund nicht mehr sicher zu rekonstruieren ist, bleibt es Spekulation, ob es ursprünglich mehrere ‚fünfjährige‘ Olympiaden gab. Zumindest der Schreiber von B ist nicht davon ausgegangen, dass Hydatius die Transferjahre durchgängig doppelt zählen wollte.

24 Burgess, Chronicle 28: „Yet Courtois’s entire reconstruction is an attempt to bring Hydatiusʼ chronology into line with modern accepted chronology.“

25 Der unter Honorius V–VIIII aufgeführte Fall c. 31 liegt insofern etwas anders, als der Wechsel hier nicht erst gegen Ende des Eintrags erfolgt. Auch c. 148 wird unten eigens begründet (s. Valentinian XXV–XXX), weil dieser Fall weitergehende Implikationen hat.

26 Die Ausgabe folgt der Communis opinio und geht davon aus, dass Hydatius chronologisch an den weströmischen Kaisern orientiert ist. So setzt sich die ab 395 vorgeblich gemeinsame Zählung von Honorius und Arcadius nach dem Tod des Arcadius 408 bis zum Tod des Westkaisers fort. In c. 82 weist die Chronik zwar auf die kurzzeitige monarchia des östlichen Augustus Theodosius II. hin, zählt in der Folge aber nach seinem westlichen Kollegen Valentinian III.: Erst nach dessen Tod 455 erfolgt der nächste Datierungswechsel. Die Ostkaiser Marcian und Leo werden lediglich mit Nebenzählungen bedacht, Marcian nämlich unter den chronologisch maßgeblichen Valentinian und Avitus, Leo ab Majorian.

27 Wir haben, wie Courtois, Auteurs 39, nur diese beiden Angaben in die Ausgabe übernommen, auch wenn der Gedanke von Burgess, Chronicle 35 nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist, dass Hydatius darüber hinaus in jeder Dekade einmal (nämlich in den Jahren 420, 430, 440 usw.) auf die spanische Ära hingewiesen haben könnte. Zur spanischen Ära an sich: Burgess, Chronicle 33–5; Rühl, Chronologie 205–8; Vives, Ursprung passim. Zur Frage nach der Ursprünglichkeit der ebenfalls nicht übernommenen Abraham- und Jobeljahre: Burgess, Chronicle 31–7. Die Jobeljahre spielen eine gewisse Rolle für die Frage der Parusie- Erwartung des Chronisten, weil Burgess auf ihrer Einfügung seine Relevatio-Thomae-These aufbaut (s. u. Kap. III.4).

28 Kap. VI.2 führt aus Gründen der forschungsgeschichtlichen Bedeutung seiner Edition auch Mommsen auf. Zu gänzlich eigenen Lösungen gelangt dieser jedoch nur selten, z. B. bei der Jahressynchronisierung 419–25.

29 Für eine Aufteilung des solitären Berichtereignisses auf zwei Jahre lässt sich kein sachlicher Grund anführen. Wir gehen daher von einer nachträglichen Verschiebung des Jahresmarkers aus, wie in den o. g. Stellen, diesmal aber mit dem Unterschied, dass die Datierung deutlicher vom Ende des Eintrags weggerückt ist.

30 Letztlich macht Burgess hier genau das, was er Courtois an anderer Stelle vorwirft (s. o. S. 13 Anm. 1): Er passt Hydatiusʼ Chronologie ohne Not einer „modern accepted chronology“ an. Wieso Hydatius dann freilich um ein Jahr verschoben berichtet, ist – sofern Burgess nicht doch recht hat – nicht zu klären.

31 c. 173 u. 174 datieren in den Oktober 456, c. 175 u. 178 definitiv ins gleiche Jahr.

32 Burgess, Chronicle 45 erklärt die Verschreibung von VIIII in VIII, die offenbar schon im B zugrunde liegenden Manuskript vorhanden war, mit der Erwähnung des achten Meilensteins im gleichen Satz.

33 Diese Doppeldatierungen überbrücken das Interregnum des Jahres 466, als Severus bereits tot war, Anthemius aber noch nicht im Amt. In der Tat ist es die Stärke der – ansonsten viel zu voraussetzungsreichen – Rekonstruktion bei Courtois, hier ein gewissermaßen ‚fiktives‘ Jahr Severus VI einzufügen.

34 Vorwort Hieronymus: Hier. chron. ed. Helm 1–7 (Hieron.). 7–19 (Eus.). Genreentwicklung bis hierhin: Burgess/Kulikowski, Mosaics 63–131; Croke, Origins 116–31; Mosshammer, Chronicle 84–112. 128–68.

35 Es war genreinhärent, dass sich Chronisten an die Werke ihrer Vorgänger anschlossen, gerade Hieronymus stellte dabei das formal wie inhaltlich zentrale Vorbild für die westliche Chronistik dar (Zecchini, Historiography 318), an das sich in der ersten Generation nicht allein Hydatius, sondern auch Prosper und der Gallische Chronist von 452 anschlossen; zumindest Prosper fand daraufhin seinerseits eine Reihe von Fortsetzern. Vgl. insg. Wood, Chains of Chroniclespassim.

36 Welche Datierungssysteme dabei tatsächlich auf Hydatius selbst zurückgehen, ist umstritten: Kap. II.2. Eine Verwendung von Abrahamjahren läge zumindest insofern nahe, als diese auch von Hieronymus genutzt wurden.

37 Zum Informationsfluss aus Gallien genauer Kap. II.4.

38 Molè, Storico 2:122–8 führt den angeblichen Nationalismus auf die Aporie hinsichtlich des eigentlich universalen Anspruchs zurück. Gegen die Chronik als ‚Nationalgeschichte‘ Cardelle de Hartmann, Hydatius 68 f.; Muhlberger, Chroniclers 214. Dafür López Pereira, Cultura 138–43. Allerhöchstens ließe sich Hydatius mit Giunta, Idazio 491 als Bindeglied zwischen dem Universalismus des Orosius und dem ‚Nationalismus‘ Isidors begreifen.

39 Zecchini, Aezio 67: Auch wenn die Chroniken einen ökumenischen Anspruch haben, so blieben sie doch „inevitabilmente settoriale“. Zur Perspektive der Gallischen Chronik: Kötter, Einl. Chron. Gall. 452 (KFHist G 7) 12–4. Für das sechste Jahrhundert sei stellvertretend Marius von Avenches genannt (als G 19 Teil der KFHist).

40 Burgess, Chronicle 8 f.: „It would seem that Hydatius was trying to write a more traditional historical narrative within the structural restrictions of the new chronicle genre.“ Ähnlich: Molè, Prospettive 195–204, v. a. 199 f.; Vandenberg, Fames facta 219.

41 Diesbezügliche Versuche von Burgess/Kulikowski, Mosaics 20–35 (Chronik vs. klassische Historie) u. 35–57 (Chronik vs. Consularia) unterstreichen eher das Problem, als zu einer alle Sonderfälle berücksichtigenden Lösung zu gelangen; nichtsdestoweniger tragen ihre Versuche sehr zur Klärung einzelner Gattungscharakteristika bei.

42 Die grundsätzliche Frage hierbei ist, ob die bloße Nennung eines Werkes auch auf eine genaue Kenntnis deutet – oder nicht doch allein nur auf das Wissen um die Existenz.

43 Wie genau Hydatius das Werk des Hieronymus abseits der Chronik kannte, ist unklar. Cardelle de Hartmann, Hydatius 21 f. merkt zurecht an, dass dem Chronisten zumindest das Todesjahr seines Vorgängers unbekannt war.

44 Aus dem Umfeld profaner Literatur lässt sich allenfalls an die Schriften des Fl. Merobaudes denken, der in c. 128 nicht allein als General, sondern auch als Dichter gelobt wird. Sein Werk wäre damit die einzige literarische Quelle, die nach 427 Erwähnung findet.

45 Nämlich c. 2–4. 6 f. 9–12. 14. 17–9. Zur Frage nach der Verwandtschaft von Consularia Constantinopolitana und Hydatius-Chronik s. o. S. 8 Anm. 2.

46 Burgess, PhD-Thesis 1:49, der die Ähnlichkeiten u. a. von Orosius, Prosper, Hydatius und den Consularia auf eine gemeinsame Quelle zurückführt. Burgess hält diese Quelle für eine Version der Consularia Constantinopolitana, ähnlich Humphries, Chronicle 162.

47 Auf diese Rolle der Bischofserhebung weist auch Muhlberger, Chroniclers 207 hin.

48 Das letzte Dokument ist der Brief des Euphronius von Autun an Agrippinus (c. 151).

49 Zur Informationspolitik des Papstes und ihren Implikationen für den Informationsstand des Chronisten: Kötter, Umgang (in Vorbereitung). Darüber hinaus: Komm. c. 106, 109 u. 145. Zur Rolle Galliens als Drehscheibe für die Informationen des Hydatius auch: Cardelle de Hartmann, Hydatius 6 f.; Kulikowski, Spain and its Cities 155.

50 Dass diese Ebene der Bereitschaft zur Informationsweitergabe in die Überlegungen zu externen Faktoren der Kommunikation (erschwerend kamen hier möglicherweise piratische Aktivitäten im Atlantik hinzu, bspw. durch die Heruler: c. 171 u. 194) einzubeziehen ist, ist dem Umstand geschuldet, dass kaum davon auszugehen ist, dass die Kommunikationsrouten in und nach Spanien grundsätzlich unterbrochen waren, vgl. Arce, Fifth Century 152.

51 Informationen unspezifischer Herkunft, meist auf ‚Hörensagen‘ basierend, in frühen Teilen der Chronik: c. 42. 89. 150; später auch: c. 167. 214a. 228. Vermehrt bauen die Informationen nun aber auf benannten persönlichen Kontakten auf, bspw. zum Presbyter Germanus und anderen ‚Griechen‘ (c. 106), zum Legaten Hesychius und östlichen Kaufleuten (c. 177) oder zu nicht näher benannten christlichen und frommen Männern (c. 253).

52 Zur Angewiesenheit auf Legationen: Muhlberger, Chroniclers 211; vorsichtiger Gillett, Envoys 51 f., der keinen Grund sieht, Legationen auch dort als Quelle anzunehmen, wo Hydatius sie nicht explizit erwähnt. Bei alledem hatte der Chronist im Regelfall sicherlich keinen offiziellen Zugang zu Gesandten, konnte aufgrund seiner sozialen Prominenz und seiner Kontakte aber durchaus Kunde von den Inhalten der Missionen bekommen, so z. B. Gillett, Envoys 50 f.; MacGeorge, Warlords 28. Legationen in der Chronik: c. 11. 96. 98. 101. 111. 121. 155. 161. 166. 170. 172. 177. 192. 197. 205. 208 f. 219. 224. 226. 230 f. 233. 237 f. 240. 242–4. 245. 247. 251.

53 Neben den Hinweisen der Praefatio zur Quellennutzung vgl. die drei Stellen der Chronik, an denen Hydatius freimütig zugibt, bestimmte ihn interessierende Informationen nicht erhalten zu haben: c. 40. 61. 106.

54 Stellvertretend Anders, Flavius Ricimer 32: „Es handelt sich gewissermaßen um tabellarische Faktenkataloge, die aber sehr gute Dienste für die Chronologie und Datierung der Ereignisse leisten“. Genau das vermögen unsere Chroniken jedoch nicht zu leisten; gleichzeitig verstellt die Vorstellung von Chroniken als rein „tabellarische Faktenkataloge“ die Sicht auf den eigentlichen Wert der kurzen, aber eben doch nach bestimmten Darstellungsabsichten gestalteten Berichte. So auch nachdrücklich: Bowes/Kulikowski, Introduction 16–8.

55 Burgess, Chronicle 9 Anm. 14: „A good example of what must have been a typical reaction to the length of the chronicle is provided by the Spanish epitomator.“ Ähnlich: Muhlberger, Chroniclers 275. Zur Funktion der Kürze ferner Cardelle de Hartmann, Historie 120.

56 Edition dieser Texte, die einen Eindruck von Länge und Kontext der Übernahmen gibt: Burgess, Chronicle 154–9 (Fredegar) u. 159–64 (spanische Epitome). Muhlberger, Chroniclers 201 f. weist zusätzlich auf Aneignungen bei Sigebert von Gembloux (ed. MGH SS 6, 300–74) und in den Pöhlder Annalen hin (ed. MGH SS 16, 51–98), s. auch Kap. IV.1.

57 Möglicherweise deutet der Befund der Gallischen Chronik von 511 aber auch auf eine mehrstufige Entstehung der Hydatius-Chronik hin.

58 Bspw. in einer Aufsatzreihe von Thompson („The End of Roman Spain“) oder in zahlreichen Werken von Kulikowski zu verschiedenen Aspekten der spanischen Geschichte. Streubelege hinterlässt Hydatius darüber hinaus in letztlich jeder Studie, die sich mit dem römischen Westen der Spätantike befasst.

59 Mit Claude, Prosopographie 652 sei allein auf den personengeschichtlichen Befund hingewiesen: Ein Drittel aller Namen des Suevenreichs stammt aus Hydatius, nur acht davon fänden sich auch in anderen Quellen.

60 Zur Vorsicht mahnt, ähnlich wie Kulikowski, auch Arce, Fifth Century v. a. 151.

61 Burgess, Chronicle v; dagegen Rebenich, Rezension 439, der eine Überidentifikation des Herausgebers mit seinem Autor erkennt. Vgl. auch Muhlberger, Chroniclers 264 u. 282.

62 Stickler, Aëtius 226: „der Bischof … sammelte zwar viele Informationen, deren er in dem entlegenen Winkel seiner galicischen Heimat habhaft werden konnte, doch reihte er sie weitgehend zusammenhangslos aneinander, so daß uns die Kausalitäten der Ereignisse in Spanien während der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts allzuoft verborgen bleiben müssen.“ Ebenso deutlich: Kulikowski, Spain and its Cities 198: „There is little point in recapitulating Hydatius’s last few pages as if their narrative tells a story – it does not.“ Ähnlich, allerdings auf Basis eines problematischen Verständnisses der Gattung ‚Chronik‘: Hamann, Vorgeschichte 79 f.

63 So ließe sich überlegen, ob Hydatius nicht für die Geschichte der Westgoten bessere Informationen liefert als über die Sueven, eben weil wir über die Goten insgesamt besser informiert sind. Mit Arce, Fifth Century 154 f. erlaube die Chronik einen Blick auf die frühe Entwicklung gotischer Ansprüche auf Spanien, die erst nach Ende des Berichts zur Besetzung der Tarraconensis durch Eurich kulminierten, vgl. Chron. Caes. a. 494.

64 Zu solchen Perspektiven der Analyse bspw. Gillett, Envoys; Kitchen, Apocalyptic Perceptions; Torres, Peregrinaciones. Auch unsere Kenntnisse über Magistri militum zur Zeit Valentinians III. wäre ohne Hydatius deutlich geringer: Demandt, Magister militum 652.

65 Die Ausdehnung der Provinz in der Spätantike ist Gegenstand einiger Debatten. Sicher ist lediglich, dass sie die Conventus von Braga, Lugo und Astorga umfasste und den Douro zur Südgrenze hatte. Zur administrativen Gliederung in Conventus: Kulikowski, Cities and Government 32–4 (mit weiterer Literatur). Torres, Limites 278–83 u. Galicia romana v. a. 371–82 möchte der Provinz auf Grundlage von Oros. 5,7,2 u. 6,21,2 sowie c. 2 der Chronik u. Zos. 4,24,4 auch den Conventus Clunia sowie Cantabria zuschlagen. Ferner Iord. Get. 230. Kürzere Überblicke zur Geographie bei Díaz/Menéndez-Bueyes, Cantabrian Basin 266–9 u. Tranoy, Galice romaine 24–37.

66 Es mag jedoch ein wenig übertrieben sein, die Provinz wie Torres, Peregrinaciones 401 als „más importante foco cultural de la Península en el siglo V“ zu sehen.

67 Hinter der expliziten Benennung seiner Geburtsstadt (praef. 2,2) vermutet Molè, Storico 1:291 das Bestreben des Hydatius, seine städtische Herkunft zu betonen. Kulikowski, Spain and its Cities 199 weist auf die insgesamt starke Konzentration des Berichts auf Städte hin.

68 Freilich ist es zu schematisch, ländliche Romanen per se zu Unterstützern der Sueven zu erklären, während man ihre Landsmänner aus den Städten a priori als deren Feinde sieht. Dass es aber Differenzen gab, die sicherlich auch mit dem höheren Romanisierungsgrad der Städte zu tun hatten, ist kaum in Abrede zu stellen. Zu dieser Differenz: Candelas, Plebs passim; Tranoy, Hydace 1:45.

69 So zumindest Torres, Reino 80–7. Zwar kann mit Muhlberger, Chroniclers 250–2 keine positive Bestätigung für diese Vermutung gefunden werden, allzu weit hergeholt scheint die Idee aber auch ihm nicht zu sein. Vgl. auch Salv. gub. 5,5 (23). Beispiele für eine Kooperation der Lokalbevölkerung mit barbarischen Gruppen finden sich in der Chronik jedenfalls regelmäßig: c. 200 Verräter warnen Vandalen vor Majorian; c. 201 Frumar setzt auf Veranlassung dreier delatores Hydatius fest; c. 219 Palogorius als suevischer Gesandter; c. 246 Lusidius übergibt Lissabon an Sueven. Ein solches Verhalten lag im Übrigen auch für die provinzialen Führungsschichten nahe, immerhin waren die Sueven nicht angetreten, um die sozialen Verhältnisse ihrer neuen Heimat grundsätzlich auf den Kopf zu stellen, vgl. Arce, Fifth Century 150; Claude, Prosopographie 653.

70 Dass der Chronist kein Problem mit den Barbaren hat, solange diese als römische Foederaten agieren (s. u. Kap. III.2), unterstreicht seine Gleichsetzung von Ordnung und Reich.

71 Nicht umsonst hält Hydatius das Erlöschen der Dynastie 455 für berichtenswert: c. 164. Das Ende des Hauses des Theodosius I. (den der Chronist sehr schätzte: Muhlberger, Chroniclers 218) reichert den konzeptionellen Bruch der Chronik um das Jahr 456 (Kap. II.1) durch einen weiteren Einschnitt an. Zur Kritik an Valentinian III., unter dem der Chronist zunehmend den Eindruck eines Desinteresses der Reichsregierung an den spanischen Verhältnissen gewonnen haben muss: Molè, Storico 1:313 u. 317–9.

72 Avitus hatte die Goten nach Spanien gesandt. Die Chronik kritisiert Avitus, indem sie auf den partikularen, nahezu rein gallischen Charakter seiner Machtgrundlagen hinweist: „in Gallien der gallische Bürger Avitus vom gallischen Heer und von den Honoratioren zuerst in Toulouse und dann in Arles zum Augustus ernannt“ (c. 163). Eine im engeren Sinne römische – für Hydatius damit universale – Legitimation ging ihm ab, und damit auch dem Feldzug der Goten, der ausdrücklich nicht im Namen Roms, sondern „auf Wunsch und Anordnung des Kaisers Avitus“ (c. 173) geführt wurde. Die kritische Distanz gegenüber Avitus geht mit Burgess, Gallia Romana 22 f. insofern vielleicht direkt auf die Erfahrungen mit der gotischen Kampagne zurück: „In all of this Avitus is especially singled out as, at best, a Gothic dupe, at worst, a traitor.“

73 Die positive Haltung des Chronisten gegenüber Majorian ergibt sich v. a. aus dem Bericht zu seinem Tod, der als Verbrechen Ricimers kritisiert wird (c. 210). Der Grund für das positive Anthemius-Bild hängt, wie bei Majorian, an dessen Kriegszug gegen die Vandalen (c. 247). Zur Haltung gegenüber Anthemius vgl. v. a. seine Sendung durch Gott in c. 234.

74 Insb. Aëtius erfährt positive Würdigung: Molè, Storico 1:314–24. Ferner: Gelarda, Guerre 301; Zecchini, Aezio 69 f. Das Lob der Magistri militum Asturius (c. 125) und Merobaudes (c. 128) fußt insofern zwar teilweise auf ihrer Verbindung zu Aëtius (Molè, Storico 1:322), v. a. aber auf ihrer Bekämpfung der Bagauden. Sogar Ricimers Einsatz gegen die Vandalen wird daher lobend erwähnt (c. 176), während der General in anderem Kontext kritisiert wird (c. 210).

75 Zum spätantiken Gesandtschaftswesen, für das Hydatius die Hauptquelle ist: Gillett, Envoys passim. Die häufige Erwähnung diplomatischer Kontakte unterstreiche laut Gillett die Bedeutung, die der Chronist der Kommunikation zwischen Barbaren und römischen Autoritäten zuschreibt: Ebd. 36 f. Ähnlich Gelarda, Guerre passim, der den Anstieg diplomatischer Aktivität auf die Unsicherheit der Zeit zurückführt und Hydatius in diesem Rahmen als Befürworter nichtkriegerischer Konfliktlösungen ansieht.

76 Zur Konzeption des Orients als Sehnsuchtsort des Chronisten: Torres, Hidacio 765.

77 Einer Wertung von Thompson, Roman Spain 2:4 („in the early 440s the Sueves had won control of the entire south, west, and centre of the Iberian peninsula in addition to their own Galicia in the far north-west“) widerspricht Muhlberger, Chroniclers 247. Laut Claude, Prosopographie 650 f. Anm. 23 belege die mangelnde Bezeugung suevischer Amtsträger einen „außergewöhnlich niedrigen Grad an ‚Anstaltlichkeit‘“ im Suevenreich.

78 Autonomisierung kleinerer Verwaltungseinheiten: Börm, Westrom 126; Claude, Prosopographie 650; Gillett, Envoys 59 f.; Kulikowski, Spain and its Cities 197–203. Es lässt sich also in der Tat vom Fortbestehen der römischen Provinzial- und Munizipalverfassung sprechen, allerdings nicht in dem Sinne, wie Schmidt, Westgermanen 216 ihn zu erkennen meint.

79 Zur Haltung des Chronisten gegenüber den Bagauden vgl. die Betrachtungen zum Barbarenbild (Kap. III.2). Zwar waren die Bagauden keine Barbaren, sondern stellten letztlich eine innere Bedrohung des Reiches dar, die Gründe für die Abneigung des Chronisten sind aber für beide Gruppen ähnlich.

80 Auf den Punkt gebracht bei Thompson, Roman Spain 4:3: „His book is not about barbarians: it is about Romans. He sees the barbarians only from the outside.“

81 Molè, Storico 1:296–8; Giunta, Idazio 491 f. Gewisse Veränderungen des Bildes, die möglicherweise an der Bewertung des Rechiar am deutlichsten werden (c. 137 Betonung des katholischen Bekenntnisses; c. 142 Kooperation mit Bagauden; s. u.), könnten wiederum für eine Mehrstufigkeit der Entstehung der Chronik (Kap. II.1) sprechen.

82 Die Sueven waren zusammen mit Alanen und Vandalen nach Spanien gelangt und hatten zur Ansiedlung die Gallaecia erlost (c. 49). Die Forschung sieht in ihnen mit Hier. epist. 123,15 meist Quaden: Laitenberger, Vorwort passim; Galazak, Diarquia 325–40; Goffart, Tides 81 f. Relativierend Piel, Beziehungen 49: „Wir könnten es […] mit einer suebischen Dynastie zu tun haben, um die sich ausgelesene, aber heterogene, germanische und nichtgermanische Volkssplitter zum weiten Kriegszug nach Spanien scharten […].“ Innerhalb der Gallaecia haben sich die Sueven schwerpunktmäßig wohl in Braga niedergelassen, darüber hinaus in Astorga und in Lugo, so Thompson, Roman Spain 1:25 f. auf Grundlage des Umstandes, dass gerade diese Städte nie von ihnen geplündert wurden. Die Modalitäten der Ansiedlung sind, wie für andere Regionen des Reichs, umstritten, grob gesagt zwischen den Positionen einer Aufteilung von Land und einer Beteiligung der Sueven am Steueraufkommen. Zur Zusammenfassung der Diskussion: Börm, Westrom 172 f. Zur Wirkungsgeschichte der Sueven in Spanien: Koller, Suevos 217–30.

83 Thompson, Roman Spain 1:26 f. geht von 20–25.000 Sueven aus, davon 6–7.000 Krieger; nur unwesentlich höher Reinhart, Historia 32. Dass die religiöse Ausrichtung der nach Spanien gelangten Völker noch offen war, legt Hydatius selbst nahe, bspw. im Hinweis, dass der Vandale Geiserich ursprünglich Katholik gewesen sei (c. 89). Auch der Sueve Rechiar wird als katholischer Christ bezeichnet, während sein Vater Rechila noch Heide gewesen sei (c. 137); zu den Implikationen für die Religion des suevischen Volkes vgl. Komm. z. St.

84 Angesichts relativ großer Lücken in der Überlieferung des Textes mag der skizzierte Befund in Teilen auf Überlieferungslücken zurückzuführen sein. Er lässt sich aber kaum ausschließlich hierdurch erklären.

85 Zum einen in c. 63, wo barbari noch einmal die in c. 46–9 bezeichneten Gruppen meint, zum anderen in c. 162, wo Kaiser Valentinian III. per duos barbaros ermordet wird (s. u.).

86 So schon Muhlberger, Chroniclers 228: Das Grundproblem der Sueven sei „their accustomed treachery“. Sueven als gens perfidiae: c. 188. 190. 208. 219. Als perfidia wird übrigens auch der Arianismus des Geiserich in c. 89 beschrieben. Weitere Vertragsbrüche durch Sueven: c. 91 u. 96.

87 Zur Deutung der praefatio-Stelle Muhlberger, Chroniclers 243: „The phrase […] has resonances in the social terminology of late antiquity. Bishops and indeed all members of the clergy ranked as honestiores, the privileged leaders of society, those who enjoyed full legal rights. Libertas was a traditional term for the combination of rights and obligations that made civil life possible. Hydatius’s remark thus refers to the dissolution of ancient standards.“ Ähnlich: Cardelle de Hartmann, Hydatius 94.

88 Muhlberger, Chroniclers 228 ist zuzustimmen: „It was rebellion itself that he [sc. Hydatius] condemned.“ Vgl. auch Zecchini, Aezio 68. Näheres zum Phänomen: Komm. c. 125.

89 Der römische Auftrag wird aus c. 63 ersichtlich: Romani nominis.

90 Der Auftrag an die Goten erscheint 456 insofern von vornherein nicht als römisch im engeren Sinne, erfolgte ihre Kampagne doch auf persönlichen Wunsch von Avitus (c. 173 cum voluntate et ordinatione Aviti imperatoris). Der Feldzug von 456 als Klimax der Chronik: Kulikowski, Asterius 134. Zur konzeptionellen Bedeutung ferner: Henning, Periclitans 312; Muhlberger, Chroniclers 226.

91 Unter Rechiar lässt sich ein weiterer Anklang an römische Repräsentationsformen finden, nämlich ein Siliqua, der im Avers Honorius zeigt, im Revers die Inschrift ivssv Richiari reges (sic!) trägt. Metcalf, Coinage 357 deutet die Münze als Indiz dafür, dass „the Suevic kings may […] have felt that they stood in some sort of relationship of legitimacy with Rome.“ Dies mag dazu beigetragen haben, dass Hydatius anfangs noch an eine römische Integration der Sueven geglaubt haben könnte: Gelarda, Guerre 299. Es schließt sich unmittelbar die Frage nach einem Suevenfoedus an: Stickler, Aëtius 231 f. hält eine vertragliche Fixierung der suevischen Kontakte zum Reich in den 430er Jahren zumindest für denkbar. Vgl. hierzu auch Tranoy, Hydace 1:35–8.

92 Dass Barbaren in Dienste des Reichs traten, ist bekannt; aber auch der umgekehrte Weg war denkbar. Bei Hydatius wird ein solcher Fall vielleicht in Person des Magister militum Nepotianus greifbar, vgl. aber Komm. c. 213 (mit dem Hinweis auf den Dux Hispaniarum Vincentius in Chron. Gall. [511] 79 f. [652 f.]). Im zivilen Bereich vgl. abermals die Karriere des Lusidius: c. 246 u. 251. Hinzuweisen wäre auch auf den Magister militum Galliarum Aegidius, der seine Macht vornehmlich auf fränkische Foederaten baute, auch wenn er gegen Greg. Tur. Franc. 2,12 u. Lib. Hist. Franc. 6 f. sicherlich niemals ihr König war. Insg. hierzu Henning, Periclitans 86–8; Thompson, Romans and Barbarians 175 f.

93 S. o. Kap. III.1. Ganz ähnliche, den unbedingten Gegensatz zwischen Altbevölkerung und Neuankömmlingen relativierende, Beobachtungen lassen sich bspw. in Eugippiusʼ Vita des hl. Severinus für das Noricum anstellen.

94 Prosper: Kötter, Einl. Prosp. chron. (KFHist G 5) 40–2; Gallischer Chronist: Ders., Einl. Chron. Gall. (KFHist G 7) 20–5. Für kurze biographische Skizzen zu beiden: Muhlberger, Chroniclers 48–55. 136 f.

95 Die theologische Leitperspektive bei Hydatius lässt sich auch seiner ausgeprägten Endzeiterwartung entnehmen: Kap. III.4.

96 Zum ‚Byzantinismus‘ des Hydatius: Muhlberger, Chroniclers 267–71.

97 Hinweise auf spanische Priscillianer nach 385: c. 31. 102. 135; möglicherweise spielt die Häresie auch in c. 201 eine Rolle. Wahrscheinlich anders gelagerte kirchliche Konflikte dürften c. 101 u. 124 zugrunde liegen.

98 Sollte ein solcher Gedanke tatsächlich vorgelegen haben, dürfte er sich spätestens dann erledigt haben, als der katholische Rechiar mit Bagauden kooperierte (c. 142; s. Kap. III.2). Für weitere Erklärungsmöglichkeiten der Überstellung des aufgegriffenen Manichäers nach Mérida: Komm. c. 130.

99 Muhlberger, Chroniclers 213: „There is much interesting material on local ecclesiastical matters, but […] the scattered details do not add up to a connected account.“

100 Zu dieser Erklärung Komm. z. St. In der Chronik erscheint daher Astorga wie der kirchliche Hauptort der Provinz, vgl. Tranoy, Hydace 1:40 f.

101 Schäferdiek, Kirche 111 macht klar, dass es nicht zu beweisen ist, dass sich die religiösen Gegensätze in der Gallaecia auf das Verhältnis zu den Sueven ausgewirkt hätten. Auch Cardelle de Hartmann, Ortodoxos 94–6 und Muhlberger, Chroniclers 240 f. melden Zweifel hinsichtlich einer Kooperation von Priscillianern und Sueven an. Stimmiger wird die mögliche Interdependenz von häretischem Bekenntnis und politischer Lage durch die Akzentverschiebung bei Börm, Westrom 183: „Dass sich Pelagianer und Priscillianer dabei insbesondere in Britannien und Hispanien lange halten konnten, hängt zweifellos damit zusammen, dass der Einfluss der Zentrale in diesen Gebieten besonders früh zu schwinden begann.“

102 Zu diesem Zusammenhang stellt Muhlberger, Chroniclers 234 fest: „In late antiquity perfidia meant heresy as well as treachery.“ Ferner: Ebd. 244. Den Priscillianismus als Art bagaudische Bewegung im Bereich der Religion charakterisiert Molè, Storico 2:99.

103 So sieht Kitchen die Parallele zu dem in Dan 11 dargestellten ‚König des Nordens‘ mal im Goten Athaulf, mal im Hunnen Attila und mal im Vandalen Geiserich. Im angeblich auf Dan 11,29 f. zurückgreifenden c. 234 ist es dann sogar der von Hydatius eigentlich positiv gesehene Anthemius. Der ‚König des Südens‘ wird mal mit Kaiser Valentinian III., mal mit seinem Magister militum Aëtius, mal aber auch mit dessen Untergebenen Litorius identifiziert. Auch hält die Chronik die narrative Reihenfolge der angeblich benutzten Daniel-Passagen nicht gänzlich konsequent ein.

104 Hierauf weist Bodelón, Prodigios 117 f. hin.

105 Eine Rolle spielten das näher rückende 500jährige Jubiläum der Inkarnation Christi und die Rezeption der Vier-Reiche-Lehre aus Daniel. Ereignisse wie die Eroberung Roms durch die Goten 410 trugen nicht zur Beruhigung bei: Kitchen, Apocalyptic Perceptions 645 f.; Zecchini, Historiography 324. Für zeitgleiche Phänomene im Osten: Brandes, Anastasios passim. Die Feststellung einer Endzeiterwartung bei Hydatius entbindet den Leser der Chronik übrigens davon, für jedes berichtete Vorzeichen ein Bezugsereignis zu suchen, da dieses Bezugsereignis im Rahmen der hydatianischen Apokalyptik letztlich immer das Weltenende sein muss.

106 Zur Zunahme dieser offenbar besonders beunruhigenden Form der Prodigien: Burgess, Frontier 326. Zur Zunahme der Zeichen generell: Cardelle de Hartmann, Historie 120 u. Dies., Hydatius 138 f.

107 Dieser Text setze die Wiederkunft Christi 450 Jahre (also neun Jobeljahre) nach der Himmelfahrt an, was Hydatius selbst in seinem Hieronymus-Exemplar in einer Randnotiz zum Jahr Tiberius XVIII vermerkt hätte. Zur Berechnung hätte Hydatius die Jobeljahre dann, gewissermaßen wie ein Countdown, als Datierungsinstrument in die Chronik eingefügt. Ausführlich Burgess in seiner PhD-Thesis 1:160–7; darauf aufbauend Burgess, Chronicle 31–3. Insgesamt zur Begründung einer unmittelbaren Naherwartung, die durch die schiere Masse der Indizien letztlich auf die Relevatio-These verzichten könnte: Ders., Frontier passim. In seiner Hydatius-Ausgabe wird der Gedanke dann bereits als Faktum vorausgesetzt, vgl. Burgess, Chronicle 9.

108 Aus methodischen Gründen skeptisch hinsichtlich der Erschließung des Datums für das Ende der Welt: Rebenich, Rezension 440 f. Auf ein grundsätzliches Problem weist Burgess, Frontier 323 übrigens selbst hin: „The most interesting aspect of Hydatius’ belief in the imminent consummatio is that he never explicitly mentions it.“

109 Zur Wahl von consummanda: Burgess, Frontier 324.

110 In diesem Sinne Börm, Hydatius 200.

111 Ob die ins Reich eingedrungenen Gruppen darüber hinaus auch wirklich die Schuld an der Desintegration der römischen Ordnung – im Sinne einer Fragmentierung der politischen Landkarte – trugen, steht auf einem anderen Blatt. Es spricht einiges dafür, dass die beiden Phänomene möglicherweise weniger eine kausale als eine zeitliche Koinzidenz haben.

112 Zecchini, Historiography 343: Während der etwas ältere Orosius um 418 noch einigermaßen positiv auf die Entwicklungspotentiale blickt, hätten sich entsprechende Hoffnungen bei Hydatius zerschlagen.

113 Hydatius als Zeuge der Veränderungen hin zum Mittelalter: Cardelle de Hartmann, Hydatius 51; Muhlberger, Chroniclers 247 f.

114 Vgl. dazu Mommsen, Chron. min. 2:7 f. und Burgess, Chronicle 11–3.

115 Burgess, Chronicle 12 und 146 f. Vgl. auch philol. Komm. c. 42.

116 Vgl. dazu auch die Beschreibung von Becker, Einl. Cons. Const. (KFHist G 1) 7–10; Rose, Handschriften-Verzeichnisse 277–80; Mommsen, Chron. min. 1:78 u. 2:7 f.; Burgess, Chronicle 11–3 u. 25 f.

117 Vgl. die genaue Beschreibung der Schrifteigentümlichkeiten bei Rose, Handschriften- Verzeichnisse 277, der sie als „Pracht-Handschrift“ bezeichnet. Burgess, Chronicle 11 datiert die Handschrift auf das zweite Viertel des 9. Jh.s, um 830, während Rebenich, Rezension 439 die Zeit Karls des Großen vorschlägt. Rose, Handschriften-Verzeichnisse 277–9 meint, dass aufgrund von Lobgedichten auf Trier die Handschrift zwingend in Trier entstanden sei. Zustimmend Burgess, Chronicle 11. Dagegen Bischoff, Katalog 91, der auf die „typische Veroneser Minuskel“ hinweist.

118 San Llorente und Sirmond in den Einleitungen ihrer Editionen. Vgl. ebenso Rose, Handschriften- Verzeichnisse 277 und zustimmend Bischoff, Katalog 91.

119 Vgl. das Stemma bei Burgess, Chronicle 14.

120 Dieses Format ist von der Tradition der Chronik des Eusebius-Hieronymus vorgegeben und kommt auch in anderen Codices vor, die Hieronymus’ Chronik, aber nicht Hydatius’ Fortsetzung überliefern, vgl. dazu Helm, Einl. zu Hier. chron. XX.

121 So Burgess, Chronicle 11; ähnlich Bischoff, Katalog 91, der 29 × 26,5 cm angibt.

122 Dazu Helm, Einl. zu Hier. chron. XIV f., der in der Edition von Hieronymus’ Chronik diesen Codex M nennt.

123 Burgess, Chronicle 47.

124 Im Gegensatz zu den chronologischen Angaben (wie den Abrahamjahren) werden in der vorliegenden Edition die Randglossen der zweiten Hand, die außer c. 149 nur zentrale Begriffe aus dem Text wiederholen (so etwa c. 25 Theodosius moritur; c. 34. 64. 136 u. 225 solis defectio; c. 42 Alaricus rex ingreditur Romam; c. 45 Ataulfus rex; c. 53 Augustinus; c. 70 Theodoricus rex; c. 126 u. 151 stella cometis; c. 149 acies; c. 150 gens unorum; c. 151 luna fuscatur; c. 153 Attila unorum rex; c. 159 signum duo soles; c. 162 Valentinianus occiditur imperator und Maximus imperator occiditur; c. 174 magna captivitas; c. 175 regnum Suevorum destructum; c. 186 pascha, c. 242 portenta und zwei diakritische Zeichen, die Lücken im Text anzeigen), nicht berücksichtigt.

125 Zur Orthographie s. auch u. Kap. IV.5.

126 Burgess, Chronicle 13.

127 Becker, Einl. Cons. Const. (KFHist G 1) 9 Anm. 34: „Bei der sog. spanischen Ära handelt es sich um eine seit westgotischer Zeit in Spanien verbreitete Zeitrechnung. Warum diese Zeitrechnung im Jahr 38 v. Chr. einsetzt, ist bis heute ungeklärt. Bemerkenswert ist, dass die Ära zuerst in der Chronik des Hydatius auftaucht. Teile der Zählung bei Hydatius sind wahrscheinlich interpoliert, nämlich die am Rand, was auch für eine spätere Hinzufügung unserer Zählung spricht.” Vgl. zur spanischen Ära auch Cardelle de Hartmann, Hydatius 43–6.

128 Vgl. dazu Burgess, Chronicle 13 f.

129 So Burgess, Chronicle 12 f.

130 Vgl. Krusch, SS rer. Merov. 2:4 und Burgess, Chronicle 19.

131 Vgl. Burgess, Chronicle 19, der hieran Zweifel hegt.

132 Burgess, Chronicle 19.

133 Zusammenfassend Burgess, Chronicle 53: „As well as containing a large number of misreadings and lines of almost complete nonsense, it has suffered from obvious and extensive rewriting, condensation, and interpolation“.

134 Einen Auszug geben Mommsen, Chron. min. 2:10 und Burgess, Chronicle 165–7.

135 So Burgess, Chronicle 17.

136 So z. B. exaurit statt exauriunt (c. 40); Anaolso bzw. Anealso statt Anaulfo (c. 82), mox statt nox (c. 142), Hispali statt Hispalim und caesa(s) statt caesam (c. 170), beide Abschriften haben c. 141 das Abrahamjahr 2470.

137 Vgl. Scardino, Einl. Chron. Gall. 511 (KFHist G 8) 191 f.

138 Burgess, Chronicle 164 f. hat die Hydatius-Zitate bei Vasaeus im Appendix gesammelt.

139 Zur Beschreibung und Datierung des Codex vgl. Flórez, España sagrada 419 und Scardino, Einl. Chron. Gall. 511 (KFHist G 8) 190 f. mit weiteren Hinweisen.

140 Burgess, Chronicle 18.

141 Vgl. philol. Komm. z. St.

142 So Isid. hist. 73 residua statt residui a (c. 49 in B); hist. 22 Atace statt Addace (c. 68 in B); hist. 73 mysteriis statt ministeriis (c. 118 in B); hist. 85 interiit statt moritur (c. 122 in B); hist. 87 in coniugio statt in coniugium (c. 140 in B). Weitere Bindefehler führt Burgess, Chronicle 21 auf.

143 Vgl. dazu Mommsen, Chron. min. 2:11 f. Sigebert erwähnt Hydatius nur am Rande (etwa ad annum 490, wo er den Anfangs- und den Endpunkt der Chronik nennt, vgl. Bethmann, MGH SS 6:313).

144 Richtig Burgess, Chronicle 57: „As a result of this analysis, we must unfortunately conclude that S and T are valueless in helping to establish the text of the chronicle since their excerpts all derive, directly or indirectly, form B.“

145 Burgess, Chronicle 54.

146 Vielleicht hat San Llorente auch C eingesehen

147 Eine ausführliche Liste aller modernen Drucke gibt Burgess, Chronicle 65 f.

148 So schreibt Burgess etwa c. 191 wie B ora statt hora, das in diesem Kontext gemeint ist. Es ist durchaus richtig, dass für den mittelalterlichen Kopisten von B kein lautlicher Unterschied zwischen hora und ora bestand, aber das gilt nicht unbedingt für Hydatius im 5. Jh. und ist darüber hinaus kaum leserfreundlich.

149 Mommsen, Chron. min. 2:8 meint aber, dass nicht alle Lücken auf den Archetypus zurückgehen, sondern dass einige wohl lediglich vermutet und absichtlich freigelassen wurden, um später Ergänzungen vornehmen zu können.

150 Burgess, Chronicle 49: „This would mean that the lacunae existed as early as 511.“ Allerdings muss berücksichtigt werden, dass für die Entstehung der Gallischen Chronik von 511 das Jahr 511 der terminus post quem ist.

151 Zum Verhältnis zwischen den Consularia und Hydatius vgl. die Diskussion bei Cardelle de Hartmann, Hydatius 24–38 und Burgess, Chronicle 199–202, die im Gegensatz zu älteren Gelehrten gegen eine Verfasserschaft des Hydatius sprechen. Zuletzt Becker, Einl. Cons. Const. (KFHist G 1) 21–6, die zum Schluss kommt, dass „der Verfasser des dritten Teils der Consularia nicht Hydatius selbst ist, sondern ein spanischer Kompilator, der die Chronik des Hydatius kennt, benutzt und im Stil kopiert. An den besprochenen Stellen wäre sogar eine Art ‚wechselseitige Abhängigkeit‘ von Chronik und Konsulliste vorstellbar.“

152 Burgess, Chronicle 50.

153 Burgess, Chronicle 48.

154 Vgl. zu den einzelnen Kapiteln jeweils die Diskussion im Kommentar.

155 Vgl. auch die Liste bei Mommsen, Chron. min. 2:11 f. Dagegen gibt Burgess fast durchgehend die Schreibweise des Codex B wieder.

156 Vgl. auch den philol. Komm. c. 42.

157 Cardelle de Hartmann, Hydatius 161–203 gibt eine umfassende Beschreibung des Gebrauchs der Kasus, der Präpositionen, der Pronomina, der Konjunktionen, des Satzbaus und des Stils (Wortwahl und rhetorische Mittel), wobei sie vor allem die Abweichungen von den Regeln des klassischen Lateins dokumentiert und bespricht.

158 Cardelle de Hartmann, Hydatius 166–8. In Bezug auf den Gebrauch der Kasus und der Präpositionen finden viele der von Cardelle angeführten Besonderheiten Parallelen bei anderen spätantiken Autoren und der Vulgata. Eine syntaktische Besonderheit des Hydatius ist indessen, entgegen der Tendenz des Spätlateins, der rege Gebrauch des Ablativus absolutus.

159 Cardelle de Hartmann, Hydatius 194.

160 Cardelle de Hartmann, Hydatius 193 f.

161 Zum akzentuierenden Klauselsystem vgl. H.-Sz. 717 f.

162 Cardelle de Hartmann, Hydatius 200 hält es „für wahrscheinlich, dass Hydatius auf seiner Reise in die östlichen Provinzen des Römischen Reiches etwas Griechisch gelernt hat, das er später beim Verfassen seiner Chronik anwendet. Seine Kenntnisse dieser Sprache waren jedoch wahrscheinlich ziemlich oberflächlich, was seine Fehler erklären dürfte.“

163 Cardelle de Hartmann, Hydatius 200: „Anders als im Text der Chronik schreibt er lange, ausgedehnte Sätze. Dies führt zu einem erschwerten Textverständnis und man gewinnt den Eindruck, dass Hydatius an dem Umgang mit kunstvollen Sätzen nicht gewohnt war.“

164 Vgl. die Liste bei Cardelle de Hartmann, Hydatius 201 f. Sie betont aber S. 203, dass „Hydatius im Text der Chronik (außer der Praefatio) sich wenig um eine rhetorische Bearbeitung kümmert. Umso mehr fallen dann bestimmte Themen auf, bei denen sich der Chronist ausnahmsweise um besondere stilistische Hervorhebung bemüht: den Kampf gegen die Häresien, die Strafe der Gottesverächter und die Zerstörung der Städte der Hispania durch den germanischen Einfall.“

165 Ähnlich auch c. 174, in dem die Plünderung der Stadt Braga geschildert wird.

166 Nur zwei Beispiele. Getilgt wurde eine aus F stammende Variante zu c. 118: Gaisiricus rex Suaevorum multas in sacerdotibus fecit stragis. Der Text liefert nichts Neues zu B, bis auf den Fehler bei der Zuordnung des Geiserich zum Volk der Sueven. Dagegen wird aus F c. 62a übernommen, liefert es doch tatsächlich die B ergänzende Information, dass der Silingenkönig Fredbal gefangengenommen wurde. Damit ist freilich nicht gesagt, dass diese Information tatsächlich auf Hydatius zurückgeht (im Fall von c. 62a spricht aber nichts dagegen); ihr bloßes Auftauchen in der Überlieferung und ihre grundsätzliche Plausibilität machen sie aber per se erhaltenswert.

167 Zur Rekonstruktion der germanischen Ausgangsformen suevischer Namen und zur Erklärung ihrer Form bei Hydatius, der sie natürlich latinisiert wiedergibt, vgl. Wagner, Personennamen passim, v. a. 139–43.

Erklärung der Siglen, Zeichen und Abkürzungen in Text und Apparat

B cod. Berolinensis Phillipps 1829, 9. Jh.
C cod. Carpentras, Bibliothèque Inguimbertine 1792, 16. Jh.
F cod. Parisinus Latinus 10910, 8. Jh.
Hm cod. Matritensis complutensis 134, 13. Jh.
Hn cod. Madrid, Biblioteca Nacional 1376, 16. Jh.
H consensus codicum Hm et Hn
M cod. Montepessulanus H 151, Bibliothèque Interuniversitaire,11. Jh. (= Chronicon Luxoviense)
{aaa} vom Editor getilgte Buchstaben
⟨aaa〉 vom Editor hinzugefügte Buchstaben
(aaa) vom Editor aufgelöste Abkürzungen
⟦aaa⟧ vom Schreiber oder anderer Hand getilgte Buchstaben
aaa unsicher erhaltene Buchstaben
[aaa] vom Editor in einer Lücke ergänzte Buchstaben
ˋaaaˊ vom Schreiber oder anderer Hand über der Zeile hinzugefügteBuchstaben
.... unleserliche Reste von Buchstaben
[ ̣ ̣ ̣] Zahl der in einer Lücke verlorengegangenen Buchstaben
* vom Schreiber freigelassener Raum im Umfang eines Buchstabens
Ba.c. Lesart in B vor der Korrektur (ante correctionem)
Bp.c. Lesart in B nach der Korrektur (post correctionem)
Bcorr. korrigierte Lesart in B (was vorher in B stand, ist unklar)
Bmarg. Lesart am Rand (in margine) von B
add. addidit vel addiderunt
alt. alter, -a, -um
cf. confer
corr. correxit vel correctus, -a, -um
del. delevit
dub. dubitanter
eras. erasus, -a, -um
fort. fortasse
in marg. in margine
in ras. in rasura
litt. litterae
man. manus
om. omisit vel omiserunt
pag. pr. paginae praeeuntis
pag. sq. paginae sequentis
rell. reliqui
restit. restitutus, -a, -um
s. l. supra lineam
spat. vac. spatium vacuum
sq., sqq. sequens, -tes
suprascript. suprascriptus, -a, -um
transpos. transposuit vel transposuerunt
ut vid. ut videtur
v., vv. versus, -us


praefatio

1. hucusque a sancto Hieronymo et ipso, sicut in capite is­tius voluminis praefatio prima declarat, cognomine Eusebio his­toria in aliquantis Hispaniarum provinciis conscripta retine­tur. cui si quid postea subdidit in locis quibus deguit certo stili stu­dio declaratur. verum ad haec ignarus in­dignissimus om­nium servorum dei Hydatius servus Iesu Christi, dei et do­mini nostri, quae sequuntur ab anno primo Theodosii Augusti, ut comperi, et descripsi brevi antelato praefationis indicio.

hucusque  –  is­tius rubro atram. B

hucusque  –  indicio post assertio (v. 13) transpos. F

a B : ad F

spaniorum F

retinentur B

decuit F

ignarus Ba.c.F : ydatius Bp.c.

Hydatius Mommsen : ydatius B semper : adacius F

dei‌2 om. F

ut B : et F

comperi et B : conperet F : competeret F2

an ita ante et addendum?

disscripsi B

antelato Burgess : ante Ba.c. : ante`latae´ Bp.c. : antefactae F : antefacto Nau­tin : antefatae Campos

post indicio supputationem Hier. chron. a. 379 (p. 250 Helm) add. B


hucusque  –  is­tius rubro atram. B hucusque  –  indicio post assertio (v. 13) transpos. F a B : ad F spaniorum F retinentur B decuit F ignarus Ba.c.F : ydatius Bp.c. Hydatius Mommsen : ydatius B semper : adacius F dei‌2 om. F ut B : et F comperi et B : conperet F : competeret F2 an ita ante et addendum? disscripsi B antelato Burgess : ante Ba.c. : ante`latae´ Bp.c. : antefactae F : antefacto Nau­tin : antefatae Campos post indicio supputationem Hier. chron. a. 379 (p. 250 Helm) add. B

2. (1) Hydatius servus domini nostri Iesu Christi universis fi­de­libus in domino nostro Iesu Christo et servientibus ei in ve­ri­tate salutem. (2) probatissimorum in omnibus virorum studia, quos praecipue in fide catholica et conversatione per­fecta testes veritatis divini cultus docet assertio, ut ornantur decore dictorum, ita et commendantur honore meri­torum, ut mera in omni opere suo obtineat veritas firmitatem. verum Hydatius provinciae Gallaeciae natus in Lemica civitate, mage divino munere quam proprio merito summi praesul cre­atus officii, ut extremus plagae, ita extremus et vitae, perexiguum infor­matus studio saeculari, multo minus docilis sanctae lec­tionis volumine salutari, sanctorum et eruditissimorum patrum

Hydatius  –  salutem rubro atram. B

ei B : se F

studio F

testis F

divini B : diu me F

ornantur San Llorente : ornatur B

ut B : et San Llorente

meram B: corr. Scardino : miram C

obtineat B: obtinent (sc. studia) San Llorente : obtineant Sirmond

veritas C : veritatem B : veritatis Campos : del. San Llorente

cre­atus Sirmond : cretus B

minus B : nihilominus Nautin


Hydatius  –  salutem rubro atram. B ei B : se F studio F testis F divini B : diu me F ornantur San Llorente : ornatur B ut B : et San Llorente meram B: corr. Scardino : miram C obtineat B: obtinent (sc. studia) San Llorente : obtineant Sirmond veritas C : veritatem B : veritatis Campos : del. San Llorente cre­atus Sirmond : cretus B minus B : nihilominus Nautin


in praecedenti opere sum pro capacitate proprii sensus aut verbi ostensum ab his secutus exemplar. (3) quorum primus Eusebius Caesariensis episcopus, qui ecclesiasticas in innu­meris libris scripsit historias, ab initio Nini regnantis Assyriis et sancti Abrahae patriarchae Hebraeis et reliquorum contem­porales is annos regum in vice­simum Constantini Augusti, quo imperabat, annum Graeci sermonis chronographiae con­cludit historia. (4) post hunc successor syngraphus per­fectus universis factorum dictorumque monimentis Hieronymus pres­by­ter, idem Eusebius cognomento, de Graeco in Latinum scripturae huius interpres, a vicesimo anno supra­dicti impe­ratoris in quartum decimum Valentis Augusti annum subditam texit historiam. (5) esto, ut in sanctis quibus deguit Hiero­so­lymorum locis, a memorato Valentis anno in tempus, quo in prae­senti vita duravit, forte quam plurima de his, quae sunt insecuta, subiecerit, quia haud umquam, dum valuit, a diverso stili opere cessavit. quem quodam tempore propriae peregri­nationis in supradictis regionibus adhuc infantulum vidisse me certus sum. qui post aliquot annos beatus, ut erat, mansit in corpore. (6) si tum proprio operi quod subdidit aliqua sub­iunxerit, apud eos ad quos scriptorum eius omne opus vel summa pervenit certa et plena cognitio est. sed quoniam in cuiusdam studii sui scriptura dixisse eum constat debacchan­tibus iam in Romano solo barbaris omnia haberi permixta atque confusa (cf. Hier. chron. p. 7,8 sq. Helm), opina­mur ex huius indicio sermonis in hoc per se annorum vo­lu­mine sub­di­to de successione temporum ab ipso nihil adiectum. (7) tamen quia ad nostri temporis cursum, ut superior lectio docet,

praecedenti B : praesenti Mommsen

sum Mommsen : suo B

quorum primus C : quod primum B

in innumeris Nautin: sui numeri B, quod Burgess crucibus cinxit : in VIIII dub. Burgess : sui nominis San Llorente

contemporalium his dub. Nau­tin (his iam Sirmond)

Graeco sermone dub. Burgess

chronografia Cardelle

historiae Burgess

singrafus Bp.c. : singrafor Ba.c. : syngrapheus Sirmond

subditam C: subdita B

haud Bp.c. : aut Ba.c.

infantulus B : corr. Scardino : an infantulus deleto me legendum?

annos San Llorente : annis B

beatus ut erat Campos : beato ut erat B : fractus ut erat San Llorente : beato vigore dub. Mommsen : beato ut meruit dub. Hirschfeld apud Mommsen

plena cognitio C : plane cogitatio B

vo­lumines Ba.c.

ut Bp.c. : et Ba.c.


praecedenti B : praesenti Mommsen sum Mommsen : suo B quorum primus C : quod primum B in innumeris Nautin: sui numeri B, quod Burgess crucibus cinxit : in VIIII dub. Burgess : sui nominis San Llorente contemporalium his dub. Nau­tin (his iam Sirmond) Graeco sermone dub. Burgess chronografia Cardelle historiae Burgess singrafus Bp.c. : singrafor Ba.c. : syngrapheus Sirmond subditam C: subdita B haud Bp.c. : aut Ba.c. infantulus B : corr. Scardino : an infantulus deleto me legendum? annos San Llorente : annis B beatus ut erat Campos : beato ut erat B : fractus ut erat San Llorente : beato vigore dub. Mommsen : beato ut meruit dub. Hirschfeld apud Mommsen plena cognitio C : plane cogitatio B vo­lumines Ba.c. ut Bp.c. : et Ba.c.


descrip­tio defluxit anno­rum, cum membrana huius historiae cu­ram contigisset expertis, mentem monuit inperiti, ut de cog­nitis, etsi in omnibus inpari gressu, vel vestigiis se subster­ne­ret praecessorum. quae fideli sus­cipiens cordis intuitu partim ex studio scriptorum, partim ex certo aliquantorum relatu, par­tim ex cognitione quam iam lacrimabile propriae vitae tempus offendit, quae subsequuntur adiecimus. (8) quorum continen­tiam gesto­rum et temporum, qui legis, ita discernes: ab anno primo Theodosii Augusti in annum tertium Valentiniani Au­gus­ti Placidiae reginae filii ex supra dicto a nobis conscripta sunt studio vel ex scriptorum stilo vel ex relationibus indican­tum. (9) exim inmerito adlec­tus ad episcopatus officium, non ignarus omnium miserabilis temporis aerumnarum, et con­clusi in angustias imperii Ro­mani metas subdidimus ruituras et, quod est luctuosius, intra extremam universi orbis Gallaeciam deformem ecclesiastici ordinis statum creationibus indiscretis, honestae libertatis interitum et universae propemodum in di­vina disciplina reli­gionis occasum ex furentium dominatione permixta iniquarum perturbatione nationum. haec iam quidem inserta, sed posteris in temporibus quibus offenderint, reli­qui­mus consummanda.

descrip­tio San Llorente : disscriptio B

defecit dub. Mommsen

cura Mommsen

experti C

periti Nautin

cognitionem Ba.c.

ante vel add. vestigia subsequeretur Burgess

ostendit Sirmond

Valentiniani Mommsen : valentini B

ruituras San Llorente : puituras B : an perituras?

luctuosus Ba.c.

propemodum C : prope dum B

dominatione Burgess : dominantem B : dominanti Mommsen : dominante dub. Cam­pos : dominantium Nautin

permixtarumque Nautin

consummada Ba.c.


descrip­tio San Llorente : disscriptio B defecit dub. Mommsen cura Mommsen experti C periti Nautin cognitionem Ba.c. ante vel add. vestigia subsequeretur Burgess ostendit Sirmond Valentiniani Mommsen : valentini B ruituras San Llorente : puituras B : an perituras? luctuosus Ba.c. propemodum C : prope dum B dominatione Burgess : dominantem B : dominanti Mommsen : dominante dub. Cam­pos : dominantium Nautin permixtarumque Nautin consummada Ba.c.


chronica

(1) Romanorum XXXVIIII THEODOSIUS per GRATIANUM in con­sor­tium regni assumptus cum ipso et VALENTINIANO iuniore regnat annis XVII.

Romanorum – XVII rubro atram. B

Romanorum XXXVIIII om. M

in  –  iuniore om. F

cum  –  regnat B : regnat cum eo et cum valentiniano fratre eius M


Romanorum – XVII rubro atram. B Romanorum XXXVIIII om. M in  –  iuniore om. F cum  –  regnat B : regnat cum eo et cum valentiniano fratre eius M

I

(2) Theodosius natione Spanus de provincia Gallaecia civitate Cauca a Gratiano Augustus appellatur. (3) inter Romanos et Gothos multa certamina conseruntur.

de  –  Cauca B : provinciae gallileae civitatis F

post conseruntur spat. vac. 7 fere vv. B


de  –  Cauca B : provinciae gallileae civitatis F post conseruntur spat. vac. 7 fere vv. B

II

(4) Theodosius Constantinopolim ingreditur in primo consu­latu suo, quem cum Gratiano agebat Augusto. (5) Alexandriae XXI habetur episcopus Theophilus vir eru­ditissimus insignis. qui a primo consulatu Theodosii Augusti laterculum per cen­tum annos digestum de paschae obser­vatione conscribit.

Theodosius  –  Augusto B F: Theudosius secundo regni sui anno agustus appella­tur

habentur Ba.c.

Theofilus Mommsen Chron. Sig. ad. an. 382 duce qui Teophilus habet : theofilius B


Theodosius  –  Augusto B : Theudosius secundo regni sui anno agustus appella­tur F habentur Ba.c. Theofilus Mommsen Chron. Sig. ad. an. 382 duce qui Teophilus habet : theofilius B

CCLXXXX OL.

CCLXXXX Bp.c. : CCLXXXX (addito X s. l.) Ba.c.

CCLXXXX OL huc transpos. Mommsen, ante Alexandriae (v. 8) habet B


CCLXXXX Bp.c. : CCLXXXX (addito X s. l.) Ba.c. CCLXXXX OL huc transpos. Mommsen, ante Alexandriae (v. 8) habet B

III

(6) Aithanaricus rex Gothorum apud Constantinopolim XV die, ex quo a Theodosio fuerat susceptus, interiit.

a­ta­naricus F

apud Constantinopolim B : Constantinopolae F

receptus F

post interiit spat. vac. 3 fere vv. B | CCCCXX in spat. vac., quod post v. 14 est, add. Bmarg.


a­ta­naricus F apud Constantinopolim B : Constantinopolae F receptus F post interiit spat. vac. 3 fere vv. B | CCCCXX in spat. vac., quod post v. 14 est, add. Bmarg.

IIII

(7) Gothi infida Romanis pace se tradunt. (8) Ambrosius in Italia Mediolani episco­pus, Martinus in Gallis Turonis epi­scopus et vitae meritis et patratis miraculis virtutum habentur insignes.

Gothi om. F

infida (infoeda F) codd. : in infida Burgess : in foedera Campos

post tradunt spat. vac. unius fere v. B, in quod VII ioboleus ex quo dominus ascendit add. Bmarg.

Ambrosius  –  episco­pus om. F

Ambrosius  –  epi­scopus‌2 B : ambrosius mediolanio et martinus in galliis civitate turones episcopi M

galliis F

toroniae F

et‌1  –  virtutum om. M

habetur insignis F

post insignes spat. vac. 2 fere vv. B


Gothi om. F infida (infoeda F) codd. : in infida Burgess : in foedera Campos post tradunt spat. vac. unius fere v. B, in quod VII ioboleus ex quo dominus ascendit add. Bmarg. Ambrosius  –  episco­pus om. F Ambrosius  –  epi­scopus‌2 B : ambrosius mediolanio et martinus in galliis civitate turones episcopi M galliis F toroniae F et‌1  –  virtutum om. M habetur insignis F post insignes spat. vac. 2 fere vv. B


V

(9) Theodosius Arcadium filium suum Augustum appellans regni facit sibi esse consortem.

ante regni add. II∙CCCC Ba.c.marg., ante VII transpos. Bp.c.marg.

regni  –  consortem B : consortem regni sui fecit esse F

post consortem spat. vac. 4 fere vv. B


ante regni add. II∙CCCC Ba.c.marg., ante VII transpos. Bp.c.marg. regni  –  consortem B : consortem regni sui fecit esse F post consortem spat. vac. 4 fere vv. B

VI

(10) Honorius nascitur filius Theodosii [ vacant in cod. B 13 fere litt. ]. (11) legati Persarum ad Theodosium Constantinopolim veniunt.

filius nascetur F | Theodosii om. F

Theodosii om. F


filius nascetur F Theodosii om. F

CCLXLI OL.

CCLXL Ba.c. | post OL spat. vac. unius fere v. B

post OL spat. vac. unius fere v. B


CCLXL Ba.c. post OL spat. vac. unius fere v. B


VII huc transpos. Burgess, ante Greothingorum (v. 8) habet B

VIII

(12) Greothin­gorum gens a Theodosio superatur. (13) Pris­cillianus declinans in haeresem gnosticorum per episcopos, quos sibi in eadem pravitate collegerat, Avila episcopus ordi­natur. qui aliquot episcoporum conciliis auditus Italiam petit et Romam, ubi ne ad conspectum quidem sanctorum episco­porum Damasi et Ambrosii receptus cum his, cum quibus fu­erat, redit ad Gallias. inibi similiter a sancto Martino episcopo et ab aliis episcopis haereticus iudicatus appellat ad Caesarem, quia in Gallis hisdem diebus potestatem tyrannus Maximus obtinebat imperii.

VIII Burgess : octavo ann. regni theudosii (-iae Fa.c.) F : VII B

Greothin­gorum C : creothin­gorum B : graotin­gorum F

episcopis Ba.c.

Abulae San Llorente

fu­erat B : iverat San Llorente


VIII Burgess : octavo ann. regni theudosii (-iae Fa.c.) F : VII B Greothin­gorum C : creothin­gorum B : graotin­gorum F episcopis Ba.c. Abulae San Llorente fu­erat B : iverat San Llorente

VIIII

(14) Arcadii quinquennalia celebrantur. (15) Romanae eccle­siae XXXVI habetur episcopus Siricius. (16) Priscillianus propter supra dictam haeresim ab episcopatu depulsus et cum ipso Latronianus laicus aliquantique sectatores sui apud Tre­virim sub tyranno Maximo caeduntur. exim in Gallaeciam Pris­cillianistarum [ vacant in cod. B 6 fere litt. ].

VIIII Burgess : VIII B

habentur Ba.c.

post Siricius add. XXXVII episcopus Bmarg.

ante Priscillianus add. VIIII Bp.c.

haeresem Ba.c.

aliquanti quae Ba.c.

sui B : eius San Llorente

priscillianistarum San Llorente : priscilli*anitarum B

post priscillianistarum [haeresis invasit] San Llorente : [ingreditur haeresis] Burgess


VIIII Burgess : VIII B habentur Ba.c. post Siricius add. XXXVII episcopus Bmarg. ante Priscillianus add. VIIII Bp.c. haeresem Ba.c. aliquanti quae Ba.c. sui B : eius San Llorente priscillianistarum San Llorente : priscilli*anitarum B post priscillianistarum [haeresis invasit] San Llorente : [ingreditur haeresis] Burgess


X

(17) Maximus tyrannus occiditur per Theodosium tertio lapide ab Aquileia V Kal. Augustas, et eodem tempore vel ipso anno in Gallis per Arvagastem comitem filius Maximi nomine Vic­tor exstinctus est. (18) Cynegius Theodosii praefectus habetur illustris. qui factis insignibus praeditus et usque ad Aegyptum penetrans gentium simulacra subvertit.

habentur Ba.c. | praedictus Ba.c.

praedictus Ba.c.


habentur Ba.c. praedictus Ba.c.

CCLXLII OL.

CCLXXXXI Ba.c. | post OL spat. vac. unius fere v. B

post OL spat. vac. unius fere v. B


CCLXXXXI Ba.c. post OL spat. vac. unius fere v. B

XI

(19) Theodosius cum Honorio filio suo Romam ingressus est (19a) legesque Romanorum integra emendatione edidit.

cum  –  Romam B : Romam cum filio Honorio F

ingresus B

post est spat. vac. 3 fere vv. B


cum  –  Romam B : Romam cum filio Honorio F ingresus B post est spat. vac. 3 fere vv. B

XII

post XII spat. vac. 5 fere vv. B

post XII spat. vac. 5 fere vv. B

XIII

post XIII spat. vac. 5 fere vv. B

post XIII spat. vac. 5 fere vv. B

XIIII

(22) Valentinianus iunior apud Viennam scelere comitis Arva­gasti occiditur et Eugenius tyrannus efficitur.

ante XIIII add. CCCCXXX Bmarg.

arvagastis F

et  –  efficitur om. F


ante XIIII add. CCCCXXX Bmarg. arvagastis F et  –  efficitur om. F

CCLXLIII OL.

post OL spat. vac. duorum fere vv. B

post OL spat. vac. duorum fere vv. B

XV

post XV spat. vac. 5 fere vv. B

post XV spat. vac. 5 fere vv. B

XVI

(24) Eugenius a Theodosio Augusto superatus occiditur.


post occiditur spat. vac. 3 fere vv. B | IICCCCX Bmarg.

XVII

(25) Theodosius in­va­litudine hydropis apud Mediolanum de­func­tus est anno regni sui XVII. (25a) aromatus sancti eccle­siae Laurentii sepultus est. (26) et ipse annus, qui Theodosii XVII, ipse Arcadii et Honorii in initio regni eorum primus est; quod ideo indicatur, ne olympiadem quinti anni turbet ad­iec­tio, in hoc loco tantum propter regnantum inserta principium.

ante XVII add. I Bmarg.

in­va­litudine Bp.c. : valitudine Ba.c. : valetudine F

metropis F

apud Mediolanum B : mediolano F

an in ecclesia?

iste San Llorente

in om. Ba.c.

quinti anni noluit Burgess : quinque annorum B

turbet Sirmond : turbes B

ante adiectio graviter interpunxit B


ante XVII add. I Bmarg. in­va­litudine Bp.c. : valitudine Ba.c. : valetudine F metropis F apud Mediolanum B : mediolano F an in ecclesia? iste San Llorente in om. Ba.c. quinti anni noluit Burgess : quinque annorum B turbet Sirmond : turbes B ante adiectio graviter interpunxit B


I

(27) Romanorum XL ARCADIUS et HONORIUS Theodosii filii defuncto patre regnant annis XXX.

I huc transpos. San Llorente : ante XVII (v. 17 pag. pr.) habet Bp.c. : om. Ba.c.

Romanorum – XXX rubro atram. B

Theodosii filii B : filii (filius Fa.c.) theu­dosio F : filii theodosii M

defuncto patre (patri F) BF : post obitum patris M

regnaverunt FM

post XXX spat. vac. 3 fere vv. B


I huc transpos. San Llorente : ante XVII (v. 17 pag. pr.) habet Bp.c. : om. Ba.c. Romanorum – XXX rubro atram. B Theodosii filii B : filii (filius Fa.c.) theu­dosio F : filii theodosii M defuncto patre (patri F) BF : post obitum patris M regnaverunt FM post XXX spat. vac. 3 fere vv. B

II

post II spat. vac. duorum fere vv. B

post II spat. vac. duorum fere vv. B

CCLXLIIII OL.

CCLXXXXIII Ba.c. | post OL spat. vac. duorum fere vv. B

post OL spat. vac. duorum fere vv. B


CCLXXXXIII Ba.c. post OL spat. vac. duorum fere vv. B


post III spat. vac. 5 fere vv. B : Romanae Ecclesiae XXXVII habetur episcopus Anastasius add. Sirmond

IIII

post IIII spat. vac. 4 fere vv. B

post IIII spat. vac. 4 fere vv. B


V transposuimus in spat. vac., quod post v. 6 est, ante in provincia (v. 8) habet B

VI

(31) in provincia Carthaginiensi in civitate Toleto synodus episcoporum contrahitur, in qua, quod gestis continetur, Sym­phosius et Dictinius et alii cum his Gallaeciae provinciae epi­scopi Priscilliani sectatores haeresim eius blasphemissimam cum assertore eodem professionis suae subscriptione con-dem­nant. statuuntur quaedam etiam observanda de ecclesiae disciplina communicante in eodem concilio Ortygio episcopo. qui Celenis fuerat ordinatus, sed agentibus Priscillianistis pro fide catholica pulsus factionibus exsulabat.

VI (V Ba.c.) huc transposuimus, ante statuuntur (v. 13) habet B, in spat. vac. post exsulabat (v. 16) additum transpos. Mommsen

Toleto San Llorente : leto B

qua San Llorente : quo B

haeresem Ba.c.

blasphemissima Ba.c.

ante in eodem add. VII (VI Ba.c.) Bmarg. : del. Burgess

episcopo Bcorr.

ordinatus C (teste Burgess, ut vid.) : ordinatur B


VI (V Ba.c.) huc transposuimus, ante statuuntur (v. 13) habet B, in spat. vac. post exsulabat (v. 16) additum transpos. Mommsen Toleto San Llorente : leto B qua San Llorente : quo B haeresem Ba.c. blasphemissima Ba.c. ante in eodem add. VII (VI Ba.c.) Bmarg. : del. Burgess episcopo Bcorr. ordinatus C (teste Burgess, ut vid.) : ordinatur B


CCLXLV (CCLXLIIII Ba.c.) OL in spat. vac. post exsulabat (v. 16) additum transpos. Mommsen, ante observanda (v. 13) habet B


VII

(34) solis facta defectio tertio Idus Novembris feria secunda. (35) Romanae ecclesiae XXXVIII habetur episcopus Inno­centius.

VIII Bp.c.

solis  –  secunda B : eorum anno VII facta est eclipsis III Idus Novembris IIII feria M

defectio Bcorr.

feria secunda om. Ba.c. : feria III Flórez

ante Romanae add. XXXVIII episcopus Bmarg.

habentur Ba.c.

episcopis Ba.c.

post Inno­centius spat. vac. duorum fere vv. B


VIII Bp.c. solis  –  secunda B : eorum anno VII facta est eclipsis III Idus Novembris IIII feria M defectio Bcorr. feria secunda om. Ba.c. : feria III Flórez ante Romanae add. XXXVIII episcopus Bmarg. habentur Ba.c. episcopis Ba.c. post Inno­centius spat. vac. duorum fere vv. B

VIII

(36) Theodosius Arcadii filius nascitur.

VIIII Bp.c. : an. VIII regni eorum F

post nascitur spat. vac. 4 fere vv. B


VIIII Bp.c. : an. VIII regni eorum F post nascitur spat. vac. 4 fere vv. B


VIIII transpos. in spat. vac., quod post v. 4 est, Burgess, ante Theodosius (v. 4) habet Bp.c. | in spat. vac., quod post v. 4 est, IICCCCXX add. Bmarg.

X

(37) Constantino­po­lim Iohannes episcopus praedicatur insig­nis, qui ob fidem catholicam Eudoxiam Arcadii uxorem infes­tissimam patitur Arrianam.

X huc transpos. Mommsen, in spat. vac., quod post v. 4 est, habet B

Constantino­po­lim B : constantinopoli (*onstantinopoli Hm) H

post insig­nis add. cognomento os aureum H

uxorem Arcadii Hn

post Arrianam spat. vac. 4 fere vv. et dimidii B


X huc transpos. Mommsen, in spat. vac., quod post v. 4 est, habet B Constantino­po­lim B : constantinopoli (*onstantinopoli Hm) H post insig­nis add. cognomento os aureum H uxorem Arcadii Hn post Arrianam spat. vac. 4 fere vv. et dimidii B

CCLXLVI OL.

CCLXXXXV Ba.c.

CCLXLVI OL huc transpos. Mommsen, supra Constantinopolim (v. 6) in spat. vac., quod post v. 4 est, habet B


CCLXXXXV Ba.c. CCLXLVI OL huc transpos. Mommsen, supra Constantinopolim (v. 6) in spat. vac., quod post v. 4 est, habet B

XI

(37a) Martinus episcopus sanctus et vir apostolicus transit ad dominum carne deposita. cuius vitam et mirabilia quae fecit Severus vir summus discipulus ipsius, qui et chronica alia quam haec sunt ab initio genesis usque ad sectam Priscilli­a­nistarum perniciosissimam conscripsit, exsequitur.

Martinus  –  apostolicus F : beatissimi martini H M: beatus martinus vir apostolicus

transit  –  deposita M : tr. a domino car. dep. F : om. H

cuius om. H

cuius  –  exsequitur om. M

vita F

qui Hm

chronica Hn : chronicam FHm

alia Burgess : alias F : aliam Hm : om. Hn

haec sunt FHm : hic sanctus Hn

genesis Hm : generis Hn : geneseos F

per­niciosissime scripsit F

exsequitur om. F


Martinus  –  apostolicus F : beatissimi martini H : beatus martinus vir apostolicus M transit  –  deposita M : tr. a domino car. dep. F : om. H cuius om. H cuius  –  exsequitur om. M vita F qui Hm chronica Hn : chronicam FHm alia Burgess : alias F : aliam Hm : om. Hn haec sunt FHm : hic sanctus Hn genesis Hm : generis Hn : geneseos F per­niciosissime scripsit F exsequitur om. F

XII

(38) Hierosolymis Iohannes, Caesarea Eulogius, Cypro Epi­pha­nius, Alexandria Theophilus, qui supra, episcopi habentur


XII huc transpos. Mommsen, supra Hierosolymis in spat. vac., quod post v. 8 est, habet Bp.c., ante Alexandria (v. 16) habet Ba.c.


in­signes. (39) Hieronymus presbyterio praeditus in Beth­leem Iudae vicinia consistens praecipuus habetur in cunctis.

ante presbyterio add. in B : del. C

praedictus dub. Mommsen

habentur Ba.c.


ante presbyterio add. in B : del. C praedictus dub. Mommsen habentur Ba.c.

XIII

(40) post supra scriptos (cf. Hier. chron. a. 348 [Helm 237a]) sane Arrianos qui Hierosolymis ante Ioannem episcopi fuerint, Hydatius, qui haec scribit, scire non potuit. hunc vero sanctum cum sanctis Eulogio, Theophilo et Hieronymo vidit et infantu­lus et pupillus.

XIII huc transpos. Mommsen, ante cinia (v. 2 [vicinia]) habet B

potuit Ba.c.: pro­didit Bp.c.


XIII huc transpos. Mommsen, ante cinia (v. 2 [vicinia]) habet B potuit Ba.c.: pro­didit Bp.c.


XIIII huc transpos. Mommsen, ante nymo (v. 6 [hieronymo]) habet B

CCLXLVII OL.

CCLXXXXVI Ba.c.

CCLXXXXVI Ba.c.

XV

(42) Alani et Vandali et Suevi Hispanias ingressi aera CCCCXLVII, alii IIIIo Kal. alii IIIIo Idus Octobris memorant die, tertia feria, Honorio VIII et Theodosio Arcadii filio III consulibus. (43) Alaricus rex Gothorum Romam ingressus. cum intra et extra urbem caedes agerentur, omnibus indultum est, qui ad sanctorum limina confugerunt. (44) Placidia Theo­dosii filia Honorii imperatoris soror a Gothis in urbe capta. (45) Alaricus moritur. cui Atavulfus succedit in regno. (46) bar­bari, qui in Hispanias ingressi fuerant, caede depraedantur hostili. (47) pestilentia suas partes non segnius operatur.

et‌1 om. F

post ingressi add. sunt H

aera  –  alii‌2 om. F

CCCCXLVI Ba.c.

alii‌1  –  alii‌2 om. H

IIIIo‌2 Hm : IIIo (tercio F) idus octobris (octubris B) BF : om. Hn

memorant  –  feria om. FH

VIII om. F

III om. F

urbe F

ageretur Hn

hominibus H

confugerant Hn

honoris Hm

imperatore F

post capta add. est F

ataulfus FH


et‌1 om. F post ingressi add. sunt H aera  –  alii‌2 om. F CCCCXLVI Ba.c. alii‌1  –  alii‌2 om. H IIIIo‌2 Hm : IIIo (tercio F) idus octobris (octubris B) BF : om. Hn memorant  –  feria om. FH VIII om. F III om. F urbe F ageretur Hn hominibus H confugerant Hn honoris Hm imperatore F post capta add. est F ataulfus FH


XVI

(48) debacchantibus per Hispanias barbaris et saeviente ni­hi­lo­minus pestilentiae malo opes et conditam in urbibus sub­stan­tiam tyrannicus exactor diripit et miles exhaurit. fames dira grassatur adeo, ut humanae carnes ab humano genere vi fa­mis fuerint devoratae. matres quoque necatis vel coctis per se natorum suorum sint pastae corporibus. bestiae occisorum gla­dio, fame, pestilentia cadaveribus assuetae quosque homi­num fortiores interimunt eorumque carnibus pastae passim in hu­mani generis efferantur interitum. et ita quattuor plagis ferri, famis, pestilentiae, bestiarum ubique in toto orbe saevi­entibus praedictae a domino per prophetas suos annuntiationes implentur.

per om. H

spanies Fa.c.

et saeviente nihilominus om. F

saeviente B : suevis gallaeciam ante H

malum H

conditam B : conditas H : condeta F

urbe (urbis Fa.c.) F

sub­stan­tiam BF : substanciaque (substanciasque Hn) H

ex auctor Hm

diripuit Fp.c.

et  –  exhaurit om. F

miles Hnp.c. : milites BHmHna.c

exhaurit Hn : exaurit B : exharuit Hm : exauriunt Burgess

grassatur F : crassatur B : classatur Hm : grassat Hn

adeo om. F

humani carnis F

vi om. F

fuerunt F

matris F

necatis B : negatis Fa.c. : necacis Hn

per se natorum C : persaenatorum B : perse natorum H : na­to­rum F

sint B : fuerunt H

pastae BHn : baste F : in pasce Hm

pestilentia H : pestilentiae BF

cadaveribus  –  interimunt B : bestiarum infestatione interementur homines F

quosque Bp.c. : quoque Ba.c. : quousque H

homines H

eorumque  –  et om. F

efferantur B : efferuntur H

interitui Ba.c.

et om. FH

ita BH : his F

ante bestiarum add. infestatione F

ibique Ba.c.

urbe Fa.c.

implentur BHm : impletur F : implent Hn


per om. H spanies Fa.c. et saeviente nihilominus om. F saeviente B : suevis gallaeciam ante H malum H conditam B : conditas H : condeta F urbe (urbis Fa.c.) F sub­stan­tiam BF : substanciaque (substanciasque Hn) H ex auctor Hm diripuit Fp.c. et  –  exhaurit om. F miles Hnp.c. : milites BHmHna.c exhaurit Hn : exaurit B : exharuit Hm : exauriunt Burgess grassatur F : crassatur B : classatur Hm : grassat Hn adeo om. F humani carnis F vi om. F fuerunt F matris F necatis B : negatis Fa.c. : necacis Hn per se natorum C : persaenatorum B : perse natorum H : na­to­rum F sint B : fuerunt H pastae BHn : baste F : in pasce Hm pestilentia H : pestilentiae BF cadaveribus  –  interimunt B : bestiarum infestatione interementur homines F quosque Bp.c. : quoque Ba.c. : quousque H homines H eorumque  –  et om. F efferantur B : efferuntur H interitui Ba.c. et om. FH ita BH : his F ante bestiarum add. infestatione F ibique Ba.c. urbe Fa.c. implentur BHm : impletur F : implent Hn

XVII

(49) subversis memorata plagarum grassatione Hispaniae pro­vin­ciis barbari ad pacem ineundam domino miserante conversi sorte ad inhabitandum sibi provinciarum dividunt regiones. Gallae­ciam Vandali occupant et Suevi sitam in extremitate

XVII B : an. XVI honoriae regni F

ante subversis add. aera CCCCLVIII H

subversis  –  regiones om. F

plagorum Hm

cras­satione BHm

pacem H : precem B

ineundem Hm : iucundam Hn

ad om. Hm

provinciarum sibi H

gallicia F

sitam BH : sita Mommsen : om. F

stremitate F


XVII B : an. XVI honoriae regni F ante subversis add. aera CCCCLVIII H subversis  –  regiones om. F plagorum Hm cras­satione BHm pacem H : precem B ineundem Hm : iucundam Hn ad om. Hm provinciarum sibi H gallicia F sitam BH : sita Mommsen : om. F stremitate F


Oceani maris occidua. Alani Lusitaniam et Carthaginensem pro­vincias et Vandali, cognomine Silingi, Baeticam sortiuntur. Hispani per civitates et castella residui a plagis barbarorum per provincias dominantium se subiciunt servituti. (50) Con­stan­tinus post triennium invasae tyrannidis ab Honorii duce Constantio intra Gallias occiditur.

Oceani maris B : maris Oceani H : om. F

occidua BH : succedunt F

lusitania F

Carthaginensem C: Carthaginiensem Mommsen : carthaginensis (-ses Bp.c.) B : chartageninsem F : cartaginenem H

provinciam H

et om. F

coinomento Fa.c. : cognomento Fp.c.

Silingi F : silin B : selingi Hm : sylingi Hn

beticas F

Hispani H : spani B

Hispani  –  servituti om. F

per om. H

residui a B : residua H

se subiciunt B : sue subiugant H

invasit tirannidem F

Honorii C: honorio BF

ducibus F

intra Gallias B : in gallicia F


Oceani maris B : maris Oceani H : om. F occidua BH : succedunt F lusitania F Carthaginensem C: Carthaginiensem Mommsen : carthaginensis (-ses Bp.c.) B : chartageninsem F : cartaginenem H provinciam H et om. F coinomento Fa.c. : cognomento Fp.c. Silingi F : silin B : selingi Hm : sylingi Hn beticas F Hispani H : spani B Hispani  –  servituti om. F per om. H residui a B : residua H se subiciunt B : sue subiugant H invasit tirannidem F Honorii C: honorio BF ducibus F intra Gallias B : in gallicia F